stille hunde
 


Übersicht



2008


Ein Schnitt in den Bauch / Im Schlund des Teufels / 7 Orte - Eine Stadtrauminszenierung I / Die kleine Raupe Nimmersatt / Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat / Krabat / Siegfried. Das Lied der Nibelungen, leicht gekürzt / Generationen kommen, Generationen gehen, hirschlederne Reithosen bleiben bestehen


2009


Die Leiden des jungen Werthers / Holmes! Watson! Morden ist menschlich, ermitteln göttlich: Der Hund der Baskervilles / Die Besserung / Die alten Fabelwesen sind nicht mehr, das reizende Geschlecht ist ausgewandert / Die Wahrheit langweilt mich, also lüg' ich: Münchhausens Abenteuer / Händel für Teens: Vom werten Sachsen zum bezaubernden Viech / Bringst du Geld, so findest du Gnade: Reineke Fuchs / Der Vampyr / Knitterbart und seine Bande / Die Nibelungen / 7 Orte - Eine Stadtrauminszenierung II / Im Gedächtnis des Wassers / Vom Schrecken des Anfangs, des Mittelteils und des Endes: Der Mann mit dem verschluckten Auge / Lachende Wüsten / Eine Weihnachtsgeschichte


2010


Der Alptraum vom ewigen Leben: Dracula / Nipple Jesus / Lob des Weins im Dialog der Poeten / Gerechtigkeit wohnt nur im Himmel: Die Grimms in Göttingen / Frühling lässt sein blaues Band / Synchronpoesie: Ungarische Lyrik - Die Meister der Melancholie / Ein so ungeheurer Vorfall: Novellen und Anekdoten von Heinrich von Kleist / Wie man sich bettet: Erzählungen aus Frau Holles Kopfkissenbuch / Der  Drachentöter. Die Sage vom Siegfried, sehr frei nacherzählt vom Wandertheaterbetreiber Alberto Kniff / Kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes / Cyrano von Bergerac


2011


Amerikanische Komödien: Zwei Erzählungen von Mark Twain / Sophie Scholl - Ich will mir meinen Mut durch nichts nehmen lassen / Faust - Der Tragödie erster Teil / Faust - Goethe in Einfacher Sprache / Hammerschlag und Muffensausen - Heimwerkertragödien / Herr Faust will alles wissen / Frankenstein / Die Verwandlung / Der Fall Vanunu 


2012


Liebe und andere Strafen / In der Osternacht / Der kleine Opernfreund: Wo's schallt, wie's raucht / Der Grill ist ein Schwein - Neue Heimwerkertragödien / Die andere Seite der Dinge / Der Grüffelo / Und alle Tage Gesottenes und Gebratenes: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm


2013


Wilhelm Tell / Die Geschichte vom Kalif Storch / Das schwarze Dekameron / Briefsteller / Macbeth / In achtzig Tagen um die Welt / Cowboy Klaus und das pupsende Pony


2014


Der Mord als schöne Kunst betrachtet: Hopp-Frosch und Das Fass Amontillado - Zwei Erzählungen von Edgar Allan Poe / Faust - Der Tragödie erster Teil / Glocken für Sankt Albani: Literatur und Musik zwischen Messer und Gabel - Geschichten aus des Teufels Küche /  Schwalbe, du Mädchen! - Chronik eines Kreisligaspiels / Der kleine Opernfreund: Made in Germany / Tartuffe


2015


Die Schatzinsel / Kater, Frosch und Federvieh / Die Besserung 2.0 / Die Besserung - Musik von Bernd Eberhardt / Faust - Der Tragödie erster Teil - Musik von Leon Hast / Frau Holle / Sterne und Taler: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Wo, bitte, geht's zum Gänseliesel? / Gesottenes und Gebratenes


2016


Oliver Twist / Der gestiefelte Kater / Dantons Tod / Othello / Der Mann mit dem verschluckten Auge


2017


Heidi / Frankenstein / Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Ein Sommernachtstraum / Das Literarische Roulette: Ritter, Tod & Teufel / Pinocchio - Die abentuerliche Geschichte eines Holzkopfs


2018


Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mister Hyde / Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Faust / Don Juan / 27. Göttinger Literaturherbst: Der Graf von Monte Christo - Szenische Lesung in Einfacher Sprache / 27. Göttinger Literaturherbst: Moby Dick - Szenische Lesung in Einfacher Sprache / 27. Göttinger Literaturherbst: In 80 Tagen um die Welt - Szenische Lesung in Einfacher Sprache


2019


Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Romeo und Julia / Ich fresse einen Kapaun - Zu Tisch bei Georg Friedrich Händel / Bürgertheater der Diakoniestiftung Einbeck: Das kalte Herz / 26. Göttinger Literaturherbst: Tschick - Szenische Lesung in Einfacher Sprache / 26. Göttinger Literaturherbst: Faust - Szenische Lesung in Einfacher Sprache / Nosferatu - Eine Synchronisationsperformance


2020


Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Der Diener 2er Herren


2021


Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Der schönste Tag (1) /  Ökumenische Friedensdekade 2021: Ende gut, alles gut - Komische und tragikomische Geschichten über Krieg und Frieden


2022


Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Der schönste Tag (2) / Deutsche Stunden / Der Krieg mit den Molchen / Der Affe und der Leopard - Fabeln von Jean de La Fontaine / Der Tod und das Mädchen - Erzählungen von Klabund


2023


Anarchisten / Sisi - Eine Wurstelpraterkomödie / Studer ermittelt - Matto regiert / Theater im MRVZN Moringen: Moby Dick - Auf der Jagd nach dem weißen Wal / Der blaue Karfunkel / Fuchs und Bär erzählen das Märchen vom Tischleindeckdich


2024


Theater im MRVZN Moringen: Frankenstein / 200 Jahre Harzreise: Heine, ein Wanderer


2025


A wie Ameise, B wie Bär / Interkulturelles Bürgertheater Moringen: Dracula


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Nachfolgend sind alle Premieren und Wiederaufnahmen der Jahre 2008 bis heute mit Ankündigungstexten und Pressestimmen aufgeführt, ebenso die Gastspiele und theaterpädagogischen Projekte im Ausland. Die Einladungen zu Sonderveranstaltungsreihen und Festivals innerhalb Deutschlands sind nicht alle angegeben.



2008

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Ein Schnitt in den Bauch
Klassenzimmerstück von Jörn Barke


Tom wird Vater - ein Problem, wenn man erst sechzehn und die Freundin vierzehn ist. Der scheinbar sexuell erfahrene Kumpel Leo, dem Tom die Misere schildert, kann leider auch nur mit Halbwissen glänzen...


In ihrem Gespräch im Klassenzimmer nach der Schule kommen Tom und Leo den Geheimnissen der Liebe, der Lust - aber auch der Last, als Heranwachsende damit umzugehen - näher und stellen fest, dass sie sich selber mit Sein und Schein ordentlich Stress bereiten. Jörn Barkes Stück wirft ein Schlaglicht auf die Situation von Jugendlichen, die trotz der Flut medial vermittelter Sexualität orientierungslos geblieben und mit den körperlichen und emotionalen Konsequenzen der ersten Liebe überfordert sind.


Premiere: 04.07.2008 / Saal der Kirchengemeinde St. Albani, Göttingen / Eine Produktion für den Kinder- und Jugendtelefon Göttingen e.V.

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Im Schlund des Teufels

Drei Erzählungen von Edgar Allan Poe,

Musik von Andreas Düker


Zwei Männer in Lebensgefahr. Ort und Zeit des Schreckens könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch gleichen sich die Schicksale. Der eine treibt hilflos im Sog gewaltiger Wassermassen vor der norwegischen Küste dem sicheren Tod entgegen, der andere ist in der Finsternis unterirdischer Verliese der Willkür sadistischer Folterknechte ausgeliefert. Trotz aussichtsloser Lage versuchen beide aber das Unmögliche: dem sicheren Tod entkommen. Ihr Überleben ist der Triumph menschlicher Vernunft über die blinden Kräfte der Zerstörung.


Zwei Männer in den Fängen der Pest. Durch einen pestverseuchten Stadtteil Londons streifend geraten die Matrosen Tarpaulin und Bein in die unheimliche Gesellschaft der leibhaftigen Krankheit: König Pest und sein Hofstaat nehmen sie als Gäste in die erlauchte Runde auf. Der finalen Aufforderung, sich zu Tode zu trinken, begegnen die beiden Trunkenbolde mit dem Mut der Berauschten. Sie packen die aristokratischen Gruselgestalten beim Kragen und kämpfen sich den Weg zu Licht, Luft und Leben kurzerhand wieder frei.


Edgar Allan Poe, Meister schwarzer Romantik und Wegbereiter des psychologischen Kriminalromans, spannt mit seinen fantastischen Erlebnisberichten einen Bogen vom naturgegebenen zum menschengemachten Schreckensort, vom todbringenden Naturwunder zum Folterkeller, von der üblen Spelunke zum Totentanzambiente. Andreas Düker steuert mit Laute und E-Gitarre die akustischen Bilder der drei unterschiedlichen Höllenvisionen Edgar Allan Poes bei.


Premiere: 12.07.2008 / Altes Rathaus Göttingen / Eine Produktion für den GÖTTINGER KULTURSOMMER

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7 Orte
Eine Stadtrauminszenierung 1


Sieben Orte in der Göttinger Innenstadt werden zu Bühnen für Tanz und Lyrik, Minidramen und chorisches Theater. Die Themen der Aktionen sind dabei so vielfältig und widersprüchlich wie die Geschichte der Orte, an denen sie stattfinden. Während eines rund 75minütigen geführten Rundganges eröffnen sich den Zuschauern neue Blickwinkel auf vertraute, im Alltag oft wenig beachtete Stätten im öffentlichen Raum. Reale Stadtgeschichte und künstlerische Fiktionen verbinden sich auf diese Weise zu einem neuen und kontrastreichen Bild der Stadt.


stille hunde und art la danse - Die Göttinger Ballettschule haben anlässlich des Tages des offenen Denkmals einen szenischen Rundgang in drei Durchgängen konzipiert. Die Route führt von der Alten Fechthalle über Orte in der westlichen Altstadt bis zum Nabel und zurück.


Premiere: 14.09.2008 / Eine Koproduktion mit der Göttinger Ballettschule art la danse für den TAG DES OFFENEN DENKMALS

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Die kleine Raupe Nimmersatt
Stück für Kinder ab 4 Jahren nach dem Bilderbuch von Eric Carle


Wenn man am Montag feststellt, dass der beste Freund beschlossen hat, krank zu sein und sieben Tage lang einfach nur daliegen will, dann ist in der Woche der Wurm drin. Jetzt muss man jeden Tag einen Krankenbesuch machen, still am Bett sitzen und die ganze Zeit über nett sein, damit es dem armen Kerl schneller besser geht. Wie langweilig! Was soll man bloß mit einem Freund anfangen, der überhaupt keine Lust hat auf Kartenspielen, Fußball oder auf In-der-Sonne-sitzen-bis-man-ganz-rot-ist? Den nichts bewegen kann, wenigstens ein bisschen mit dem Kranksein aufzuhören? Am besten man hat neben Geduld einen guten Plan. Wie schön, dass es da ein Tier gibt, das für Aufregung sorgt: eine kleine grüne Raupe, die kaum aus ihrem Ei geschlüpft, immer unterwegs ist auf der Suche nach etwas, das sie auffressen kann. Denn, soviel ist klar, sie muss fressen, damit aus ihr mal etwas Ordentliches wird. Und mit diesem sehr hungrigen Haustier beginnt eine Woche voller Überraschungen.


Dem amerikanische Grafiker und Autor Eric Carle ist mit seinem Bilderbuch über die immer hungrige kleine grüne Raupe wohl ein Jahrhunderterfolg gelungen. Die Geschichte, mit der Kinder die Abfolge der Wochentage und Zahlen spielerisch lernen können, hat seit ihrem Erscheinen einen beispiellosen Siegeszug weltweit durch die Buchhandlungen, Kinderzimmer und Kindergärten angetreten. Stefan Dehler und Christoph Huber haben aus dem Kult-Bilderbuch eine vierzigminütige trickreiche szenische Dramatisierung für Kindergarten- und Grundschulkinder entwickelt, die die berühmten Fressorgie der Titelheldin in eine spannende Rahmenhandlung einbettet.


Premiere: 19.09.2008


Pressestimme


Mit „Die kleine Raupe Nimmersatt“ hat Eric Carle einen Klassiker der Kinderbuchliteratur geschaffen. Stefan Dehler und Christoph Huber haben sich das Werk vorgenommen für ihre erste Produktion ihrer neuen Theaterfirma „stille hunde“. Am Freitag war im Göttinger Apex Premiere.


Viele bunte Bilder, aber fast kein Text. Gerade diese Hürde empfanden Dehler und Huber als Herausforderung und entwickelten eine Rahmenhandlung. Zwei beste Freunde, der eine hat beschlossen, sieben Tage im Bett zu bleiben. Er ist krank, „noch viel, viel schlimmer“. Der andere fürchtet aufkommende Langeweile. Nicht mehr ins Schwimmbad? Nicht mal Fußballspielen im Hof? Also versucht er, den siechen Kumpel zu motivieren, allerdings mit wenig Erfolg.


Erst eine kleine Raupe, die aus ihrem Ei schlüpft, bringt den Freund aus dem Bett. Gemeinsam folgen sie dem Tier auf seinem Fresspfad. Denn es nagt sich durch alles, was essbar ist: zwei Birnen, drei Pflaumen, vier Erdbeeren, fünf Apfelsinen. „Doch satt war sie immer noch nicht“. Ein paar Gummiringe reichen Dehler, um aus einem Handtuch eine zauberhafte kleine Raupe zu basteln. Er und Huber schnippeln aus bunten Pappen Obst mit Löchern, dass die Schnipsel nur so fliegen.


Gut dreißig Minuten brauchen sie, um aus der gefräßigen Raupe einen hübschen Schmetterling werden zu lassen. Die Kinder in der Premierenvorstellung folgten aufmerksam und hatten offensichtlich ihren Spaß. Und gefürchtet hat sich auch niemand. Gute Unterhaltung.


Göttinger Tageblatt, 22.09.2008

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Siegfried. Das Lied der Nibelungen – leicht gekürzt
Eine kabarettistische Attacke auf ein Nationalepos


Wer von Natur aus kein hartgesottener Kämpe ist, dem muss eine PR-Agentur wenigstens zu diesem Image verhelfen: Prinz Sigi wird von professionellen Beratern zum metrosexuellen Athletentyp stilisiert, dem man Kämpfe gegen Drachen und böse Zwerge organisiert. Am Königshof in Worms kommt der frischgestylte Held mit seiner legendären Beute, einem Zauberschwert, einer Tarnkappe und einem Goldschatz bestens an. Er soll König Gunthers Brautwerbung um die bärenstarke isländische Königin Brunhild tatkräftig unterstützen. Als Lohn winkt ihm die Ehe mit der schönsten Frau des Rheins, Kriemhild, die Schwester des Königs. Leider muss der Held auch in Worms mit seiner Tarnkappe für Gunther einspringen, denn Brunhild verweigert sich ihrem angetrauten Weichei im Ehebett. Nachdem er die Widerspenstige für den König überwältigt hat, kommt Sigi auf den dummen Einfall, sich heimlich zwei Trophäen mitzunehmen: Brunhildes Gürtel und ihr Ring. Als Gunthers Ehefrau beides in den Händen von Kriemhild sieht, schwant ihr, dass sie hereingelegt wurde. Sie bläst zur Hatz auf den Helden. Bei einem Jagdausflug ereilt Sigi sein Schicksal. Die Getreuen der Königin meucheln ihn hinterrücks. Und so verendet ein Held jämmerlich an einem Speerstich, um schnurstracks von den Barden in die Untersterblichkeit geklampft und gesungen zu werden.


Die satirische Betrachtung des populären Heldenmythos ergänzt das Repertoire von stille hunde um einen fast schon und beinahe nicht mehr literarischen Kabarettabend. Kurz und knapp erzählen drei Darsteller in fliegendem Rollenwechsel die Siegfried-Sage nach, scheuen sich nicht vor Kürzungen und Improvisationen, kruder Dramaturgie und kruden Stilmitteln.


Premiere: 14.11.2008 / APEX, Göttingen


Pressestimme


[…]  Kaum sitzt der letzte Besucher auf seinem Platz, da strömen auch schon die drei Akteure in den Raum und wirbeln geschäftig umher. Die Zuschauer wissen noch gar nicht, wie ihnen geschieht, schon befinden sie sich mitten drin, in einem Schauspiel, das auf verrückte Weise eine völlig neue Interpretation einer alten Sage zeigt. Dabei nehmen die drei Schauspieler kein Blatt vor den Mund, und alle Mittel der Verblüffung werden eingesetzt, ihre Bühne erstreckt sich über den gesamten Raum. So wird während des Stückes genüsslich ein halbes Hähnchen verspeist, es wird gesungen, auf kleine Kartoffelmännchen eingehauen, aber vor allem wird gelacht.


Um an Beliebtheit zu gewinnen soll Prinz Sigi mit Hilfe einer professionellen Imageberatung zu einem metrosexuellen Mann verholfen werden. Dafür muss er gegen einen Drachen kämpfen und erhält neben seinen übermenschlichen Kräften durch das berühmte Bad im Drachenblut, bei dem nur ein kleiner Fleck auf seiner Schulter ungeschützt bleibt, noch eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, ein Zauberschwert und jede Menge Gold. Doch um Kriemhild – die Frau seiner wilden Fantasien – heiraten zu können, muss er zunächst ihrem Bruder – dem weichlichen König Gunther – zu der Eroberung Brunhildes – der Frau seiner Träume – verhelfen.


Eine Geschichte, die viele schon einmal gehört haben. Denkt man zumindest. Denn durch die Mischung einer alten Sage mit modernen Themen und katastrophalen Rollenkollisionen, wird die ganze Geschichte völlig neu interpretiert. Aus dem starken Siegfried wird der beschränkte Sigi, der nichts weiter im Kopf hat, als das Verführen von Frauen. So begegnen einem während der Vorführung gleich mehrere Seiten dieses Helden, etwa wenn dieser gerade noch rechtzeitig daran gehindert wird sich auf der Bühne auszuziehen, um den Anweisungen des Erzählers folgend im Drachenblut zu baden oder wenn er sich stöhnend auf die Treppenstufen fallen lässt und stolz die Trophäen seiner Eroberung über Brunhildes gut geschützte Jungfräulichkeit zu präsentieren.
Mit fliegendem Rollenwechsel wird die Geschichte in knapp zweieinhalb Stunden auf die Bühne gebracht. Um den Mangel an Schauspielern auszugleichen, springen zwischenzeitlich selbstgebastelte Kartoffelmännchen als Zwerge ein, und auch der Drache sieht einer Kartoffel mit einem Girlandenschwanz überraschend ähnlich.


Da Tasha Skowronek das einzige weibliche Mitglied der stillen hunde ist, spielt sie sowohl die junge durchtriebene Kriemhild als auch die starke Brunhild mit dem immerwährend grimmigen Blick. Interessant wird die Rollenverteilung vor allem dann, wenn sich beide Figuren gegenüberstehen und heftig miteinander streiten. Eine vielleicht ebenso skurrile Situation entsteht, als Brunhild den beiden Gehilfen den Auftrag erteilt, Sigi zu töten, denn einer der beiden Gehilfen spielt gleichzeitig die Rolle des Mordobjektes.


Mit viel Witz und Parallelen zu aktuellen politischen Ereignissen – wie beispielsweise die Finanzkrise oder den Dopingskandalen – schafft es die Gruppe die Lachmuskeln der Zuschauer zu Höchstleistungen anzuspornen und dafür zu sorgen, dass das Stück noch eine ganze Weile in den Köpfen der Zuschauer bleibt. Mit Gesang, Musik und viel theatralischem Können wurde dieser Abend zu einem unterhaltsamen Ereignis. […]


Sunny Side Up, Ausgabe 6 / 2009

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Generationen kommen, Generationen gehen, hirschlederene Reithosen bleiben bestehen
Ein Balladenduell


Die Ballade. Oh je! Ein Stoßseufzer entringt sich den Eingeweihten, während sich die Ahnungslosen fragen: Was ist das eigentlich? Was vor etwas mehr als fünfzig Jahren noch in Ehren gehaltenes literarisches Allgemeingut war (ja bisweilen geradezu im Rang nationaler Kunstwerke stand), was da in den guten Stuben und in den Schulzimmern landauf und landab mal leidenschaftlich deklamiert, mal kraftlos heruntergeleiert wurde, scheint heute größtenteils vergessen. Oder zu einem unwürdigen Dasein in der Zitatenramschkiste der Popkultur herabgekommen. Hand aufs Herz: Die Zeiten sind lausig geworden für die Ballade, jenes lyrische Mittelformat der verdichteten, zumeist gereimten Kurzerzählung von unerhörten Begebenheiten, heldenhaften Menschen, Tieren oder sonstigen Sensationen.


So ganz von ungefähr kommt der Niedergang der Ballade natürlich nicht. Der Zeitgeist sperrt sich inzwischen vehement gegen das zumeist als pathetische und moralinsauer empfundene Gedröhn der Verse. Die besungenen Ritter und Jungfrauen, Dolchträger und Tyrannen, die opferbereiten Bürgen und treuen Freunde, die kinderstehlenden Naturgeister und fahrenden Sänger waren ja schon zu Goethes und Schillers Zeiten nostalgisch verbrämtes Märchenzubehör. Heute taugen sie weniger denn je zum Träger einer ernsthaften Botschaft. Dabei hat die Ballade aber unbestritten ihre Qualitäten. In ihrer dramatischer Zuspitzung übertrifft sie das Theater, in Kürze und Prägnanz die Novelle und den Roman. Mit gut und spannend erzählten Geschichten kann die Ballade also allemal aufwarten.


Dass mit der Ballade doch noch der eine oder andere Blumentopf zu gewinnen ist, wollen Christoph Huber und Stefan Dehler unter Beweis stellen. Die beiden haben sich in die Tiefen (und Untiefen) deutschsprachiger Gedichtsammlungen gewagt und Bekanntes wie Unbekanntes zusammengetragen. Nun laden sie mit dem, was sich hören lassen kann, alle Balladenfans zu einem nicht immer geschmack- und stilsicheren Vortragsduell ein, bei dem die titelgebenden Reithosen unter anderem Tauchern und Erlkönigen, Birnbaumpflanzern und Steuermännern angedient werden.


Premiere: 21.11.2008 / Stadtbibliothek Göttingen

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Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat
Stück für Kinder nach dem Bilderbuch von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch


Geschichten sind ein wunderbares Geschenk. Vor allem, wenn sie von einem Tier berichten, das man so gut wie nie sehen kann, weil es im Verborgenen lebt und nur ganz selten ans Tageslicht kommt. Ein Tier wie ein Maulwurf beispielsweise. Wenn einem solchen Tier auch noch etwas Aufregendes passiert, dann ist es eine fast schon perfekte Geschichte. Und so beginnt sie: Der kleine Maulwurf schaut gerade aus seinem Hügel heraus, um nachzusehen, ob die Sonne schon aufgegangen ist. Da fällt etwas vom Himmel. Es ist rund und braun und sieht ein bisschen wie eine Wurst aus. Und das Schlimmste: Es fällt ihm auf den Kopf. Weil das, was ihm da auf den Kopf gefallen ist, überhaupt nicht dahin gehört, ist der Maulwurf sehr wütend. Er will wissen, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, und begibt sich auf den Weg, um den Übeltäter zu finden. Jedes Tier, das ihm begegnet, wird verhört und muss seine Unschuld augenfällig beweisen...


Christoph Huber und Stefan Dehler haben mit einfachen Theatermitteln aus dem Kult-Bilderbuch ein anarchisches Stück Clowntheater gemacht, das nicht nur den kleinen Zuschauern gefällt, sondern auch Erwachsenen Spaß macht.


Premiere: 26.11.2008 / Alte Fechthalle, Göttingen


Die Produktion basiert auf der künstlerischen Konzeption, die das Team für das Deutsche Theater Göttingen bereits 2006 realisiert und als Ensemblemitglieder bis 2008 gespielt hat.

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Krabat
nach dem sorbischen Volksmärchen


Über zwanzig Jahre sind vergangen, seit Krabat aus der Armut seines Elternhauses in die verbrecherische Welt des Teufelsmüllers geflohen ist. Die Zeit seiner Jugend ist längst zur Legende geworden. Vom Ort seiner Lehrjahre, die abgelegene Mühle, in der er gemeinsam mit elf anderen Müllerburschen die Schwarzen Künste erlernte, sind nicht mehr als ein paar verkohlte Balken übrig. Krabat lebt unerkannt als ehrbarer Bauer in einem Dorf in der Nähe. Seine magischen Fähigkeiten setzt er im Verborgenen ein, um den armen Dörflern der Umgebung das Leben zu erleichtern. Nur seine Frau, die ihn als junges Mädchen aus den Händen des Schwarzen Müllers befreite, teilt seine Geheimnisse. Aber die Geister der Vergangenheit lassen Krabat nicht los. Nachts, wenn er seine Zauberkräfte anwendet, kommen die Erinnerungen. Krabat beginnt, die Geschichte seiner Jugendjahre aufzuschreiben - und Mühle, Müllerburschen, der Müller und der Teufel erwachen zu neuem, spukhaften Leben.


stille hunde erzählen mit einfachen Theatermitteln die Geschichte des jungen Krabat in Form von Rückschauen nach: Menschen, die inzwischen Einblick in die verhängnisvollen Mechanismen der Verführung und der Gewalt gewonnen haben, berichten, kommentieren und befragen sich. Mit dem Bild des erwachsenen Krabat knüpft stille hunde an die Tradition des sorbischen Volksmärchens an, die die Figur vor allem als geläuterten Schwarzkünstler kennt, der um sein Seelenfrieden ringt und als heimlicher Wohltäter Sühne für den einstigen Teufelspakt leistet. Mit Krabats Ehefrau kommt in dieser neuen Bühnenfassung des Stoffes zudem eine realistische Figur ins Spiel, die den Heldenmythos um eine weibliche Perspektive bereichert.


Öffentliche Voraufführung im Rahmen der 2. TANZ KULTUR WOCHE GÖTTINGEN: 25.11.2008 / Premiere: 30.11.2008 / Alte Fechthalle, Göttingen


Pressestimme


Die Zeit des 30-jährigen Krieges ersteht in der Alten Fechthalle: Die „Stillen Hunde“  zeigen das Stück „Krabat“ nach dem sorbischen Volksmärchen. Die Not ist groß dieser  Tage. kein Brot, kein Korn, auch die letzte Ziege wird den Dorfbewohnern von  brandschatzenden Truppen genommen.


In dem hohen Raum der Fechthalle braucht das Theater nicht viel: eine große, rechteckige  Fläche, deren hinterer Teil mit schwarzer Gaze übermannshoch halbdurchsichtig verdeckt  wird. Auch die Ausstattung ist reduziert: Die lichte Kargheit treibt die Geschichte auf  gute Weise an, bringt die Konzentration auf Inhalt, Text und Form auf den Punkt.


Der schwarze Müller (Christoph Huber) treibt seine zwölf Burschen erbarmungslos an, und  auch der junge Bauernsohn Krabat (Stefan Dehler) fällt in seine Hände. Schwer wiegen die  Mehlsäcke, die er zu schleppen hat, schwerer noch der Pakt mit dem Teufel und schwarzer  Magie, die hinter allem steht.


Zwölf Paar Gummistiefel vertreten die Burschen, ihre unterschiedlichen Eigenschaften  bieten die einprägsamen, fast rituellen Beschreibungen plastisch dar. Nachts werden sie  zu Raben, verdeckt in zwölf Kisten. Sie müssen ausfliegen oder das böse Zaubern lernen. Die Liebe des Bauernmädchens (Tasha Skowronek) ist wie ein Versprechen immer anwesend  und hat allein die Macht, dem Teufel die seine zu nehmen. Auch Freundschaft ist für diese  Entwicklung notwendig.


Bei aller äußeren Reduktion birgt das Spiel der drei größte Fülle, füllt die Geschichte  ganz, erfüllt den Raum. Die Erzählebenen des rückblickenden und handelnden Krabat  verschränken sich konsequent und auch die Rollenwechsel, die vollzogen werden, bieten  Konsistenz. Dabei verzichtet die Inszenierung auf das Insistieren der grausamen Momente  des Märchens, sie sind da, geben in angemessenem Maß Auskunft über Gewalt, Tod und  Zauberei. Die Düsternis aber kommt nicht von äußeren Effekten her, sie wohnt unverkennbar  dem Bösen inne, das zu vertreiben - fraglos immer und aktuell - möglich ist.


Göttinger Tageblatt, 06.12.2008




2009

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Die Leiden des jungen Werthers
Szenische Lesung des Romans von Johann Wolfgang Goethe


Werther schreibt sich die Seele aus dem Leib, so scheint es. Seine Briefe an den besten Freund zeichnen in grellen Farben das Bild eines orientierungslosen Menschen, zerrissen zwischen unbändiger Lebensgier und demoralisierendem Weltekel. Die Hierarchie und die Konventionen der absterbenden Ständegesellschaft, die moralische und philosophische Enge in Köpfen des Bürgertums, die biedere Bildungsbeflissenheit, die Obrigkeitshörigkeit und der Geschäftsinn seiner Mitmenschen - all dies stürzt Werther in tiefste Verzweiflung. Erleichterung findet er allenfalls in der Betrachtung unberührter Natur. Sein Leben erfährt eine ungeahnte Wendung zum Rauschhaften, als er Lotte, die bereits verlobte Tochter des Wetzlarer Amtmanns, begegnet. Beflügelt vom Gedanken, die Zuneigung und die Liebe dieses Mädchens zu erringen, wird er völlig blind für die Spielregeln der Gesellschaft. Bestürzt liest sein bester Freund aus den schwärmerischen Briefen, wie sich Werther zum untragbaren Ärgernis seiner Mitmenschen entwickelt -  und schließlich jede Hoffnung auf Glück mit einem Pistolenschuss zunichte macht.


Tasha Skowronek, Christoph Huber und Stefan Dehler stellen die wesentlichen Passagen aus Goethes epochemachenden Briefroman in einer szenischen Lesung vor und geben Goethes Helden Stimme und Gesicht.


Premiere: 23.01.2009 / APEX, Göttingen

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Holmes! Watson! Morden ist menschlich, ermitteln göttlich: Der Hund der Baskervilles

Szenische Lesung des Romans von Arthur Conan Doyle


Die Geschichte des Verbrechens ist die Geschichte der menschlichen Natur. Und sie ist die Geschichte seines beständigen Scheiterns – das muss man zumindest annehmen, wenn man seine Überzeugung nicht auf wissenschaftliche Untersuchungen und Fakten, sondern auf die schönegeistige Literatur stützt. Angefangen bei den biblischen Erzählungen berichtet die Kriminalliteratur bis heute – Gott sei dank - vom letztlich erfolglosen Täter. Dass Adam und Eva erwischt und aus dem Paradies geworfen wurden, dass der Mord an Abel kein Rätsel blieb, ist dem Scharfsinn einer göttlichen Instanz zu verdanken.


In der gottlosen Welt des Krimigenres musste diese Rolle der Detektiv übernommen. Den Idealtypus des mit  fast übermenschlichen Fähigkeiten, auf jeden Fall aber gottgleichem Selbstbewusstsein ausgestatteten Helden verkörpert bis heute unangefochten die Figur des Sherlock Holmes. Intelligenter und leidenschaftsloser, aber auch unzugänglicher und eigenbrötlerischer  wurde vor und nach ihm kein genialischer Ermittler geschildert. Wenn Sherlock Holmes auf den Plan tritt, ist sein Tun dem staunenden Beobachter ein Rätsel, ein dunkler, quasi künstlerischer Vorgang, und die Entlarvung des Täters besitzt immer den unanständigen Charme eines nicht zu durchschauenden Zaubertricks. Dabei geht bei Holmes tatsächlich alles stets mit rechten Dingen zu.


Der Erfolg des schlauen Ermittlers beruht auf wissenschaftlichen Methoden, auf genauer Beobachtung und logischer Schlussfolgerung. Mit dieser geschickten Mixtur – der Detektiv als Künstler und Wissenschaftler - hat der Autor, der schottische Arzt und Schriftsteller Arthur Conan Doyle, einen Massengeschmack getroffen. Die Figur des Sherlock Holmes hat so sehr Popularität gewonnen, dass ihre tatsächliche Beschränktheit auf die Welt der literarischen Fiktionen hier und da aus dem Bewusstsein geraten ist. Immer noch und immer wieder nehmen Menschen an, es handele sich bei dem legendären Detektiv um eine historische Person, die wirklich gelebt und ermittelt hat. Vielleicht äußerst sich gerade darin das Bedürfnis nach Rettung vor der eigenen Natur. Der gottgleiche Holmes ist ein Garant für die Unterlegenheit des Bösen. Bis heute.


Stefan Dehler und Christoph Huber folgen mit ihrer szenischen Lesung den Spuren des berühmten Detektivs und seines Biografen Dr. Watson. Im Mittelpunkt ihres literarischen Abends steht der Roman Der Hund der Baskervilles, der die Helden in die Sphäre des Übernatürlichen zu führen scheint: Das Erscheinen eines Gespenstes in Form eines riesigen Hundes soll den Großgrundbesitzer Sir Charles Baskerville zu Tode erschreckt haben. Das Leben des jungen Erben Sir Henry scheint ebenfalls in Gefahr. Kurzerhand wird Watson als Leibwächter abkommandiert und berichtet in den kommenden Tagen von verdächtigen Umtrieben rund um den Landsitz der Baskervilles. Dass weder Gott noch Teufel für den Spuk verantwortlich ist, versteht sich von selbst. Wer aber hinter all dem steckt, kann nur einer herausfinden: Sherlock Holmes.


Premiere: 06.02.2009 / Stadtbibliothek Göttingen / Eine Produktion für die Veranstaltungsreihe DIE LANGE NACHT DER LITERATUR des Arbeitskreises der südniedersächsischen Bibliotheken

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Die Besserung
nach Berichten ehemaliger Häftlinge des Jugendkonzentrationslagers Moringen


Als die Jugendlichen Wilhelm und Franz 1942 im Konzentrationslager Moringen inhaftiert werden, schwören sie sich Freundschaft. Der Terror des Lagers trennt sie. Fünfzig Jahre später schreibt Franz auf dem Sterbebett einen Brief an den einstigen Mithäftling. Was er nicht weiß: Wilhelm ist längst verstorben. Der Brief, der nicht zugestellt werden kann, erweist sich als schweres Erbe für die Söhne der beiden ehemaligen KZ-Insassen. Zwei Männer, die sich vorher nie begegnet sind, beginnen, über die Jugend ihrer Väter in der NS-Zeit zu sprechen.


Das rund einstündige Stück, das in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Moringen entstand, ruft die Geschichte des niedersächsischen Lagerortes Moringen ins Bewusstsein und greift mit einem Fallbeispiel aus der regionalen Geschichte das Thema „Jugend im faschistischen Deutschland“ auf. „Die Besserung“ schildert die Schicksale zweier von den faschistischen Behörden als „asozial“ eingestufter, jugendlicher Insassen. Eingebettet ist diese Erzählung in einer Rahmenhandlung, in der zwei Söhne sich mit den traumatischen Lebenserfahrungen ihrer Väter auseinandersetzen. Damit bringt das Stück eine lange verschwiegene und vergessene Einrichtung der Nationalsozialisten in Südniedersachsen, der während der NS-Zeit überregionale Bedeutung zukam, wieder in Erinnerung, thematisiert die Verletzung der Menschenrechte während des Terrorregimes der Faschisten und problematisiert das Kriterium des „Asozialen“, das in der Mehrzahl der Fälle zur Inhaftierung von jugendlichen Männer in Moringen führte. Daneben wird gezeigt, dass die Opfer in der Extremsituation des Lagers moralische und soziale Vereinbarungen untereinander aufgeben - um zu überleben.


Premiere: 26.03.2009 / Max-Planck-Gymnasium Göttingen / Eine Koproduktion mit der KZ-Gedenkstätte Moringen, gefördert mit Mitteln des Landschaftsverbands Südniedersachsen e.V.


Pressestimme


Die beiden Männer sind um die vierzig, als sie sich zum ersten Mal treffen. Ihre Väter waren zusammen in einem Lager der Nationalsozialisten, in der sogenannten Jugendschutzanstalt Moringen. Was ihnen dort wiederfuhr, davon wussten die Söhne lange nichts. Erst als Franz im Winter 1991 mit Lungenkrebs im Krankenhaus die letzten Monate seines Lebens verbringt, erzählt er seinem Sohn von den Ereignissen vor 50 Jahren und schreibt einen Brief an seinen damaligen Freund Wilhelm Priebe. Den jedoch erreicht der Brief nicht mehr, er ist zehn Jahre zuvor ums Leben gekommen. Und so wird sein Sohn zum Empfänger.


Hier setzt das Stück „Die Besserung“ an, das die „Stillen Hunde“ in Kooperation mit der KZ Gedenkstätte Moringen auf Grundlage von Zeitzeugenberichten entwickelt haben. Christoph Huber und Stefan Dehler haben das für das Klassenzimmer konzipierte Stück im Max-Planck-Gymnasium in Göttingen zum ersten Mal gezeigt. Die Zuschauer der Premiere sitzen, wie später auch die Schüler, in deren Schule die Aufführung stattfindet, an Schultischen.


Ein Mann im grauen Anzug steht am Fenster, ein zweiter kommt herein. Der Rahmen der Geschichte spannt sich in der Begegnung der beiden Söhne auf. Schnell beginnt Huber als Sohn Franz‘ zu erzählen, was er die Jugend des als schwer erziehbar, als „abnorm, abartig und untragbar“ eingeschätzten Jungen wusste. Mit überaus sparsamen, aber wirkungsvollen Requisiten – Jacken, Kittel, Brillen und vor allem ein Kalender, der zwischen 1941 und 1992 Blatt für Blatt umschaltet – schaffen Huber und Dehler verschiedene Figuren, Räume und Szenen. Vom schreienden Nazi-Vater über den moralisierenden Heimleiter und den sich dem Jungen anbiedernden Lagerarzt Dr. Ritter bis zum lungenkranken Vater und eben den beiden Söhnen.


Zwei Figuren verkörpern die Schauspieler dabei nicht: die gemaßregelten Jugendlichen selbst. In den Dialogen um sie herum jedoch, in denen sie bisweilen fiktiv angesprochen werden, entstehen sie mit großer Deutlichkeit. In authentischen Ausschnitten aus Akten der sogenannten „Pubertätsversager“ und „Herumtreiber“ vermittelt sich etwas von der Grausamkeit, die dem Vokabular der Zeit anhaftet, vor allem aber auch von den rücksichtslosen Züchtigungen. Von herabwürdigenden Methoden, geschorenen Köpfen, Zwangsarbeit und Häftlingskleidern, von dünner Suppe und schweren Misshandlungen spricht Franz aus der Erinnerung. Und davon, wie er in diesem Lager, statt eine fragwürdige „Besserung“ zu erfahren, gelernt habe, zu stehlen, zu lügen und hart zu sein. Immerhin, er hatte, wie auch sein Freund Wilhelm, überlebt. Im Gegensatz zu den vielen, vielen anderen, den Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, geistig behinderten und psychisch kranken Menschen oder den Jungen, die einfach nur Swing-Platten gehört hatten.


Den „Stillen Hunden“ gelingt eine sehr gute Adaption des Themas, die wesentliche Aspekte der Zeitdokumente vermittelt. Sie versuchen nicht, Jugendliche darzustellen, sondern lassen diese Stelle bewusst leer – eine Leerstelle, die mit Fakten und Fragmenten gefüllt wird.


Göttinger Tageblatt, 30.03.2009

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Die Wahrheit langweilt mich, also lüg' ich: Münchhausens Abenteuer

Ein literarischer Wettstreit mit den fantastischen Erzählungen Gottfried August Bürgers und anderen unglaublichen Geschichten, die das Leben schrieb. Oder auch nicht.


Er schlug sich angeblich Funken aus den Augen, prügelte einen Fuchs aus dem Fell, fing zwanzig Enten mit einem Stück Speck und einer aufgedrehten Hundeleine, er seilte sich vom Mond ab und ließ dem osmanischen Sultan im Handumdrehen eine Flasche besten Tokaiers aus dem Weinkeller der Kaiserin Maria Theresia holen - von diesen unglaublichen Leistungen eines weltgereisten Tausendsassas berichtet Gottfried August Bürgers Lebensgeschichte des Barons von Münchhausen. Dass nichts oder nur wenig von dem Erzählten tatsächlich auf den  historischen Freiherrn von Münchhausen zurückgeht, ist bedauerlich, hat aber dem internationalen Erfolg der fiktiven Lebensgeschichte keinen Abbruch getan. Im Gewand des Lügenbarons hat der Name Münchhausen die Zeiten überdauert und ist zum Synonym für Aufschneiderei und Lüge geworden, eine Gleichsetzung, die den historischen Freiherrn sicherlich sehr geschmerzt hätte. Aber alles hat seinen Preis. Die Kunst hat Münchhausen das wahre Leben genommen und dafür ein ewiges, aber falsches gegeben.


Stefan Dehler und Christoph Huber haben sich nun Gottfried August Bürgers Meisterwerk der fantastischen Literatur wieder einmal vorgenommen und wetteifern mit den satirischen Erzählungen - die im originalen Wortlaut und ohne die kinderbuchgerechten Kürzungen nichts von ihrer satirischen Kraft eingebüßt haben - um den guten Glauben des Publikums. Angeheizt wird das Duell der beiden mit unglaublichen, aber wahren Geschichten, die das Leben schrieb - oder eben auch nicht.


Wiederaufnahme der Produktion aus dem Jahr 2005: 23.05.2009 / APEX, Göttingen

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Händel für Teens: Vom werten Sachsen zum bezaubernden Viech

Eine musikalische Biografie Georg Friedrich Händels


Wenn einer was werden will, dann muss er sich in der Welt umsehen. Und wenn einer Talent hat, dann erst recht. Als Georg Friedrich Händel aus der musikalischen Provinz in die Weltstadt Hamburg aufbrach, ahnten weder er selbst noch seine Eltern, dass aus dem musikbegabten jungen Kerl einer der strahlkräftigsten Sterne am europäischen Musikhimmel werden sollte. Die Stationen seiner Karriere waren glücklich gewählt: Als Orchestermusiker und Komponist an der Hamburger Gänsemarktoper lernte Händel den Musiktheaterbetrieb gründlich kennen und verdiente sich die ersten Sporen als Komponist. In Neapel, Venedig und Rom kam er in Kontakt mit der musikalischen Elite Europas. Was er hier sah, hörte und lernte, war bestimmend für sein ganzes Leben. Als Hofkomponist des Königs von Hannover machte er eine eher schlechte Figur. Bald schon lockten ihn Angebote in die Metropole London, die bis zu seinem Lebensende Wohnort und Arbeitsstätte bleiben sollte. Hier, wo Handel und Wissenschaft, Geld und Adel zusammentrafen, wo ein reiches und selbstbewusstes Bürgertum die Theater und Konzertsäle füllte, wurde Händel vom abhängigen Künstler zum selbstbestimmten Geschäftsmann, der mit dem sicheren Instinkt für Markt und Meinung dem Publikum gab, was es gerade verlangte. War es am Anfang und für viele Jahre die Oper im italienischen Stil mit ihren sündhaft teuren Gesangsstars, so wurde es später das englischsprachige Oratorium, das ein Massenpublikum anzog und seinen Namen über seinen Tod hinaus bekannt machte. Am Ende seines Lebens war Händel kraft seiner Hände Arbeit ein vermögender Mann und in England beinahe schon so etwas wie eine nationale Institution.


Das szenische Konzert für Jugendliche ab zwölf Jahren wirft Schlaglichter auf die erstaunliche Karriere eines Musiker, der ein gebürtiger Deutscher war, zum musikalischen Italiener wurde und als englischer Staatsbürger starb, und von dem man mit Recht rückblickend sagen kann, er sei ein Popstar unter den Impresarios und Komponisten gewesen. Berichtet wird von Händels verblüffenden Höhenflügen, von Skandalen, Querelen und Misserfolgen im Musiktheaterbetrieb, vom Genussmenschen und Grobian Händel, vom musikalischen Verführer und Hexenmeister: eben vom „caro sassone“, wie ihm das venezianische Opernpublikum begeistert huldigte, bis hin zum „charming brute“, dem orgelspielenden Schwein, als das ihn eine englische Karikatur lächerlich zu machen versuchte.


Den musikalischen Rahmen spannt dabei der Göttinger Knabenchor und das Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Michael Krause mit Auszügen aus einem der berühmtesten Werke des Komponisten: Der Messias. Mit von der Partie sind unter anderen der Countertenor Michael Lieb und die Sopranistin Lavinia Dames, die mit ihren Beiträgen die Stationen von Händels beruflichem Werdegang hörbar machen.


Premiere: 26.05.2009 / Aula der Universität Göttingen / Eine Produktion für die INTERNATIONALEN HÄNDEL-FESTSPIELE GÖTTINGEN


Pressestimme


Mit Sprechchören und Spielszenen, Knabenchor, Sinfonieorchester und Gesangssolisten zogen Göttinger Schüler am Dienstag, 26. Mai, in der Aula der Universität alle Register, um eine gute Stunde lang aus dem Leben Georg Friedrich Händels zu erzählen.


Buntes venezianisches Volk erstürmte zu Beginn den Bühnenraum der Uni-Aula. Mit großem Hallo wurde ein neuer Erdenbürger begrüßt, „Georg Friedrich soll er heißen!“ Als Sprechchor gaben die Schülerinnen und Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums, ein jeder venezianisch gekleidet und mit Dreispitz geschmückt, die Lebensdaten eben dieses Georg Friedrich, des „lieben Sachsen“ wieder, beleuchteten in kleinen Spielszenen einzelne Stationen seines Lebens. In Hamburg der Streit mit dem Konkurrenten Matheson, in London die Zeremonien rund um die Aufführung der „Wassermusik“: Diese Episoden füllten die Schüler mit viel Leben.


Die Musik kam dabei keineswegs zu kurz. Michael Krause leitete das relativ groß besetzte Göttinger Symphonie Orchester sowie den Göttinger Knabenchor. Auszüge aus Händels „Messias“, der „Wassermusik“ und anderen Werken wechselten in lockerer Folge mit den Spielszenen. Dabei setzten die „stillen hunde“ Stefan Dehler und Christoph Huber, die dieses Komponistenporträt konzipiert und inszeniert hatten, auf straffes Timing: Eine Zauberoper soll in London erklingen, „mit Blitz und Donner“, ruft das Volk sich zu, „mit Schall und Rauch! Und mit einer Zauberin!“ – Und schon ist man bei „Rinaldo“ gelandet, bei der zu Herzen gehenden Arie der Almirena „Lascia ch’io pianga“, wunderschön und mit leuchtendem Sopran vorgetragen von Lavinia Dames. Auch Countertenor Michael Lieb erntete mit seiner koloraturreichen Bravourarie begeisterten Applaus.


„And he shall reign for ever and ever“: Mit dem zweiten Teil des berühmten „Halleluja“ ging eine überaus kurzweilige Stunde zu Ende, in der gelacht, gestaunt und in schönen Melodien geschwelgt werden durfte: ein Riesenspaß für Jung und Alt – leider nur vor rund sechzig Zuhörern.


Göttinger Tageblatt, 28.05.2009

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Bringst du Geld, so findest du Gnade: Reineke Fuchs

Szenische Lesung der Verserzählung von Johann Wolfgang Goethe


Dass sich die böse Tat nicht lohnt, ist ein weit verbreiteter Unsinn. Denn genau das Gegenteil ist in der Praxis der Fall, es kommt nur darauf an, wie geschickt man sich anstellt. Man darf halt keine Skrupel haben und sich nicht erwischen lassen, zumindest muss man sich zu helfen wissen, wenn es einem an den Kragen gehen soll. So hält es der Fuchs. Er stiehlt und mordet, ganz so wie es seine Art ist, und ganz so, wie es viele andere, der Bär und der Wolf, der Panther und der Tiger, eben nach Bedarf auch tun. Der Zorn der Tiere richtet sich aber allein gegen ihn. Die Opfer fordern Sühne, und die Starken hängen sich gern das Mäntelchen der Gesetzeshüter um, wenn es nicht gegen sie geht. Dass eine Gerichtsverhandlung aber eine leichte Übung für einen ist, der weder Gesetz noch Moral, dafür aber die Gier und die Dummheit der anderen gut kennt, versteht sich von selbst. Am Ende ist es wie so oft, der Fuchs ist Freund der Mächtigen geworden, und die Geschädigten stehen dumm da.


Goethes pointierte Nacherzählung des Volksepos vom gerissenen Fuchs, der kleine wie große Tiere zum Narren hält und sich selbst in Todesgefahr noch zu retten weiß, ist ein Meilenstein satirischer Dichtung. Das Werk hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt – traurig, aber wahr. Und: schön zu hören, denn der Dichterfürst hat die böse Geschichte in kunstvolle Verse gegossen. Stefan Dehler und Christoph Huber stellen Goethes „unheilige Weltbibel“ auf einer Wanderung durch die Scharzfelder Einhornhöhle in einer szenischen Lesung vor.

Premiere: 13.06.2009 / Einhornhöhle Scharzfeld

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Der Vampyr

Szenisches Projekt nach der Novelle von John Polidori

Choreografien von Ulrike Grell und Judith Kara
Musik von Andreas Düker

Nur wenige Werke hat der englische Romantiker John William Polidori in der hinterlassen, darunter allerdings eines von Bedeutung. Der einst jüngste Arzt seiner Zeit war Vertrauter und Reisebegleiter des exzentrischen und europaweit bekannten Literaten Lord Byron, als er 1816 Werk das schrieb, das seinen Namen der Nachwelt erhalten sollte und das eine Flut von Nachahmungen nach sich zog, die bis heute nicht abgeebbt ist: „Der Vampyr“ – eine Schauernovelle, in dessen Titelrolle, dem eleganten und unheimlichen Lord Ruthven, Polidoris Zeitgenossen ein Portrait des Dichters Byron erkannten.


Im Rahmen der 9. Göttinger Nacht der Kultur bringen stille hunde am Freitag, den 19. Juni 2010 ab 22 Uhr im Innenhof der Stadtbibliothek nun diesen literarischen Auftakt zur Mode der Vampirromane in einer szenischen Lesung zu Gehör. Den Originaltext hat Stefan Dehler nach einer alten Übersetzung neu bearbeitet. Ulrike Grell und Judith Kara von der Göttinger Ballettschule art la danse haben für das Projekt choreografische Elemente entwickelt. Die Musik, atmosphärische Klänge und Musikstücke aus der Entstehungszeit des Textes, steuert der Göttinger Lautenist Andreas Düker bei. Kostenlose Eintrittskarten für die Veranstaltung gibt es nur noch am Abend der Aufführung in der Stadtbibliothek.


Premiere: 19.06.2009 / Stadtbibliothek Göttingen / Eine Koproduktion mit der Stadtbibliothek Göttingen und der Göttinger Ballettschule art la danse dür die 9. GÖTTINGER NACHT DER KULTUR

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7 Orte
Eine Stadtrauminszenierung II


Sieben Orte in der Göttinger Innenstadt werden zu Bühnen für Tanz und Lyrik, Minidramen und chorisches Theater. Die Themen der Aktionen sind dabei so vielfältig und widersprüchlich wie die Geschichte der Orte, an denen sie stattfinden. Während eines rund 75minütigen geführten Rundganges eröffnen sich den Zuschauern neue Blickwinkel auf vertraute, im Alltag oft wenig beachtete Stätten im öffentlichen Raum. Reale Stadtgeschichte und künstlerische Fiktionen verbinden sich auf diese Weise zu einem neuen und kontrastreichen Bild der Stadt.


stille hunde und art la danse - Die Göttinger Ballettschule haben anlässlich des Tages des offenen Denkmals am 13. September einen szenischen Rundgang in drei Durchgängen konzipiert. Die Route führt von St. Albani bis zum Neuen Rathaus.


Premiere: 13.09.2009 / Eine Koproduktion mit der Göttinger Ballettschule art la danse für den TAG DES OFFENEN DENKMALS

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Käpten Knitterbart und seine Bande

Stück für Kinder ab 4 Jahren nach dem Bilderbuch
von Cornelia Funke und Kerstin Meyer


So ein Pirat hat es gut. Besonders natürlich, wenn er der Anführer ist. Dann muss er nämlich nicht die Segel flicken, das Deck schrubben, Kartoffeln schälen. Ein Piratenkapitän braucht nicht einmal seine eigenen Stiefel putzen. Das müssen die Männer seiner Bande für ihn erledigen. Damit das auch tatsächlich geschieht,  benötigt ein Piratenkapitän ein langes Messer, eine Pistole und eine sehr laute Stimme. Das sind drei Dinge, mit denen man Leuten nämlich eine Heidenangst einjagen kann. Und wenn Leute einen Heidenangst haben, dann machen sie alles, was ein Piratenkapitän will. Ach, ja, wenn er so richtig furchterregend wirken will, sollte sich ein Piratenkapitän einen Bart zulegen. Wenn der Bart nicht  schaurig schwarz ist, sollte er zumindest schaurig rot sein. Am besten auch ekelhaft knitterig. So wie beim Käpten Knitterbart. Der ist der gefürchtetste Pirat der Weltmeere. Genauer gesagt: Das war er mal. Nein, er ist nicht tot. Ihn gibt es noch. Er ist nur nicht mehr so gefürchtet. Wie es dazu kam? Na, das ist eine lange Geschichte – in der ausgerechnet ein kleines Mädchen dafür sorgt, dass dem bösen Piraten der Bart vor Angst mal so richtig schlottert.


Mit „Käpten Knitterbart und seine Bande“ zeigt stille hunde die dritte Theaterproduktion, die auf einem bekannten Bilderbuch basiert. Cornelia Funkes Erzählung vom schrecklichen Käpten Knitterbart wird in der Bühnenfassung zum Ausgangspunkt für eine Kinderfantasie: Einmal Pirat sein, ungestraft mit Messern herumfuchteln dürfen und anderen Menschen Angst machen. Die beiden Helden des Theaterstück erfinden sich eine abenteuerliche Welt, in der sie selbst die Hauptrollen spielen dürfen – aber sie beschwören auch eine ganze Reihe von Problemen herauf, die auf komische Weise gelöst werden müssen.


Premiere: 20.09.2009 / APEX, Göttingen


Pressestimme

 

Käpten Knitterbart ist der wildeste aller Piraten. Niemand ist vor seiner Bande sicher. Aber ein Schiff hätte er besser vorbeifahren lassen sollen. An Bord ist nämlich ein kleines Mädchen namens Molly, das dem Käpten so einige Streiche spielt, bis seine Mutter Berta es aus den Händen Knitterbarts befreit hat.


Mit nur wenigen Sätzen lässt sich der Inhalt des Bilderbuchs „Käpten Knitterbart und seine Bande“ von Cornelia Funke zusammenfassen. Die Geschichte verlangte den Schauspielern Christoph Huber und Stefan Dehler jedoch mehr als das ab. Die Göttinger Theatergruppe „stille hunde“ gastierte jetzt im Apex und zauberte mit der Premiere von „Käpten Knitterbart und seine Bande“ eine witzige, bunte Interpretation des Kinderbuchs auf die Bühne.


In der Rolle zweier Kindsköpfe – der eine angelt in der Toilette, der andere hat in einer Hand ein Buch, in der anderen ein Bügeleisen, um sein Hemd zu plätten – sitzen Huber und Dehler da. Lange geschieht nichts. Dann eine Idee: Eine Piratenschlacht könnte die Langeweile vertreiben.


Der Klo-Angler Huber wird zu Käpten Knitterbart, Dehler zu seiner Bande. Spielerisch flexibel wechselt er die Rollen vom Buckligen Bill über den Fiesen Freddy zum Kahlen Knud und verleiht durch gekonnt eingesetzte Gestik und Mimik jeder Figur einen neuen Charakter.


Mit viel Geschick und Ideenreichtum inszenieren sie ein Spiel im Spiel. Stets haben sie ihre Ausgangsrollen parat, welche hier und da in das Geschehen von Käpten Knitterbart eingreifen. Soll beispielsweise ein Piratenangriff härter oder eine Bestrafung milder ausfallen, so melden sich die ursprünglichen Figuren zurück.


Sie verwenden wenige Requisiten, funktionieren die Gegenstände aber geschickt um. So wird der Toilettenvorleger zum roten, zerknitterten Bart des Käptens und der Besenstiel zu seinem Holzbein. Das Rollenkarussell meistern die „stillen hunde“ und beweisen dem jungen Publikum mit spielerischer Leichtigkeit, wie bunt das Leben eines Piraten sein kann.


Göttinger Tageblatt, 22.09.2009

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Die Nibelungen

frei nacherzählt


Von den heimischen Wäldern kann heutzutage getrost behauptet werden, dass sie nahezu drachenfrei sind. Geschuldet ist dieser glückliche Umstand, dass sich in grauen Vorzeiten massenhaft kampfeslustige Ritter auf die Ungeheuer gestürzt haben, um sie nach allen Regeln der Kunst niederzumachen. Das den armen Fabelwesen bei diesem Ansturm testosterongebeutelter Jünglinge kaum noch Zeit zu Sex und Brutpflege geblieben sein kann, ist nur zu verständlich. Fazit: Sie sind ausgestorben – eine traurige Tatsache, die vor Urzeiten aber sicher begrüßt wurde: Die feuerspuckenden Viecher waren erschreckend
übel beleumundet; man rufe sich nur die Mär vom Jungfrauenkonsum in Erinnerung. Das Verschwinden der Monster war den Autoren der alten Heldengesänge verständlicherweise also keine Träne wert. Stattdessen lobten sie die Drachentöter als Menschheitsbeglücker übern grünen Klee. Besonders ein Recke hatte es den germanischen Lobhudlern angetan:der junge Siegfried. Diesem Jungspund eilte der Ruf als exorbitanter Bestienkiller voraus, als er sich in Worms nach Wein, Weib und Gesang umsah und sich anschickte, Recht und Gesetz auf die ahnungsloseste Weise auszuhebeln. Dass es trotz seines Bades
im unverwundbar machenden Drachenblut dann doch schlimm mit Siegfried endete, ist eine böse Ironie der Geschichte. Wie weiland der Lindwurm wurde der Ritter bekanntlich Opfer eines perfiden Ausrottungsplanes und verreckte an einem herzberührenden Speerstich irgendwo in achsogrüner Waldeinsamkeit. Fazit: Auch die edlen Helden, sie gibt es nicht mehr. Ausgestorben. O wehe.


Im urzeitlichen Ambiente des Naturdenkmals Einhornhöhle lassen Stefan Dehler und Christoph Huber die mythischen Gestalten der Nibelungensage lebendig werden. Die „Blaue Grotte“ – die für eine Verfilmung des Nibelungenstoffes in den siebziger Jahren schon einmal als Kulisse des legendären Drachenkampfes gedient hat, wird dann wieder zum Ort des berühmten Gemetzels. Die verschiedenen Kammern, Treppen, Gänge und Wasserbecken der Höhle, vor allem der imposante „Schillersaal“ und die „Leibnizgalerie“ geben die übrigen Schauplätze des legendären Geschehens wieder: Königshalle, Rittersaal, Brunhildenfelsen und die vielen anderen sagehaften Orte des Nibelungenliedes


Premiere: 25.09.2009 / Einhornhöhle Scharzfeld


Der für die Produktion erstellte Spieltext wurde im Folgejahr 2010 unter dem Titel „Der Drachentöter. Die Sage vom Siegfried, sehr frei nacherzählt vom Wandertheaterbetreiber Alberto Kniff” für eine neue szenische Umsetzung verwendet.

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Im Gedächtnis des Wassers
Eine kurze Geschichte über die Gerechtigkeit


Lia, die fünfzehnjährige Tochter des alleinerziehenden Tankstellenbetreibers Gerhart, wurde auf dem nächtlichen Nachhauseweg an einer Bushaltestelle vergewaltigt. Der mutmaßliche Täter, ein junger Mann aus der Nachbarschaft, konnte aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt werden. Gerhart fühlt sich von der Justiz verraten. Überzeugt von der Schuld des Freigesprochenen nimmt er das Recht in die eigene Hand.


„Im Gedächtnis des Wassers” ist das bruchstückhafte Protokoll zweier Verbrechen, die durch das Motiv der Rache miteinander verknüpft sind. Ausschnitte aus Gesprächen des Pflichtverteidigers mit dem Vater und der Mutter des Opfers werfen, ergänzt durch Zeugenaussagen, Schlaglichter auf die Ereignisse, die soziale Situation und den Charakter von Opfern und Tätern. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein unlösbarer Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit. Das Stück wurde anlässlich der vierteiligen Projektreihe „Drei Farben Licht” in der Klosterkirche Nikolausberg verfasst und eröffnete am 24. Oktober 2009 als erster Beitrag unter dem Titel „Blau” die Veranstaltungsserie. Als Bühnenmusik spielte der Göttinger Lautenist und Gitarrist Andreas Düker Werke für Barocklaute von Sylvius Leopold Weiß und Georg Friedrich Händel


Premiere: 24.10.2009 / Klosterkirche Nikolausberg, Göttingen / Eine Produktion im Rahmen des Kooperationsprojekts DREI FARBEN LICHT


Pressestimme


Wie ein Häufchen Elend, zusammengefallen auf einem Stuhl, sitzt Gerhart (Christoph Huber) in der Klosterkirche in Nikolausberg. „Sie sind wie ein Mann, der immer weiter ins Wasser läuft und sich wundert, dass die Hose nass wird“, beschreibt der Anwalt (Stefan Dehler) die prekäre Situation des alleinerziehenden Vaters. „Waren Sie schon mal am Meer?“, so der Anwalt weiter. „Wenn Sie einen Felsbrocken hineinwerfen, schlägt es zwar etwas größere Wellen, aber Sie haben sich dabei verhoben.“


„Blau – Im Gedächtnis des Wassers“ lautet der Titel der szenischen Lesung in der Kirche, die Huber und Dehler für den ungewöhnlichen Ort geschrieben haben. Gerhart ist der Vater von Lia, das Mädchen ist 15 Jahre alt. Der Tankstellenbesitzer arbeitet viel und ist mit der Erziehung seiner Tochter überfordert. Als Lia vergewaltigt wird, muss Gerhart sich mit dem Gefühl auseinandersetzen als Vater versagt zu haben. Gegen den Willen seiner Tochter zeigt er den mutmaßlichen Täter an, die Beweislage ist aber kritisch für den Kläger, denn in jener Nacht hat es stark geregnet, alle Spuren sind weggewaschen. Der Beschuldigte wird freigesprochen. Nach der Verhandlung sucht Gerhart den Täter auf und erpresst ein Geständnis.


Die Vorzüge des alten Gemäuers sind nicht einfach umzusetzen, aber richtig eingesetzt ist die Wirkung groß. Die Atmosphäre ist düster und melancholisch. Die zwischen den Stuhlreihen aufgebaute Bühne und bildet eine Art Laufsteg. Die Wirkung des authentisch dargestellten Stücks wird durch die Enge verstärkt. Die Zuschauer sitzen beinahe auf der Bühne, auf Augenhöhe mit den Schauspielern. Sie tragen Mikrophone, man hört nur das leise Atmen durch die Kirche hallen. Eine Putzfrau wringt einen Lappen aus, es plätschert. Das Bild von Lia, der Tochter, die man weder zu Gesicht bekommt, noch sprechen hört, ist dennoch vielschichtig. Denn die Geschichte wird aus vielen Blickwinkeln erzählt. Der Lkw-Fahrer, der Lia in jener Nacht gesehen hat, der Arzt, der sie behandelt hat, die Aussagen der Freundinnen mit denen sie zusammen war und zuletzt die Geschichte der geschiedene Mutter.


Das Stück ist das erste in einer Reihe von vier Produktionen. Sie wurden von verschiedenen Autoren eigens für die Aufführung in diesem Gemäuer verfasst.


Göttinger Tageblatt, 29.10.2009

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Vom Schrecken des Anfangs, des Mittelteils und des Endes: Der Mann mit dem verschluckten Auge
Drei Grotesken von Hermann Harry Schmitz


Eigentlich sollte der Name Hermann Harry Schmitz auf einer Liste der zehn witzigsten deutsch-sprachigen Autoren zu finden sein. Irgendwo im oberen Drittel. Die Glossen und Kurzgeschichten des 1880 geborenen Düsseldorfers haben zweifellos das Zeug zu Klassikern. Hätten die Jungs der Monty- Python-Truppe schon 1910 mit anarchischem Humor Karriere machen wollen, sie hätten vermutlich bei Schmitz abgeguckt.
Als Sohn eines Fabrikdirektors wuchs Hermann Schmitz in Düsseldorf auf. Das Gymnasium verließ er, um 1896 eine ausbrechende Tuberkulose auf Korsika auszukurieren. Militäruntauglich, zwang ihn der Vater nach Abschluss des Einjährigen in Kassel zur kaufmännischen Laufbahn. Seit 1906 publizierte Schmitz Grotesken, zunächst im „Simplicissimus“, ab 1907 im „Düsseldorfer General-Anzeiger“. Nebenher schrieb er kabarettistische Einakter oder trat in dandyhafter Aufmachung als Conférencier bei Wohltätigkeitsveranstaltungen in Düsseldorf auf. Nach dem Erfolg seiner ersten Buchveröffentlichung „Der Säugling und andere Tragikomödien“ bei Ernst Rowohlt, entschloss er sich, als freier Schriftsteller tätig zu werden. Als zahlreiche Aufenthalte in Sanatorien und Krankenhäusern ohne Hoffnung auf Heilung blieben, erschoss er sich.
Hermann Schmitz nimmt eine Sonderstellung in der deutschsprachigen Literatur ein. In seiner bewusst naiv gewählten Erzählhaltung sucht er als Angriffspunkt für seine Attacken die Welt des. Seine Helden mit ihren sinnentleerten Genüssen, ihrem Technikfetischismus, Statusproblemen, aber auch Fluchtbewegungen, wie Reisewut oder falschverstandenem Naturkult, enden zumeist tödlich.


Stefan Dehler und Christoph Huber machen sich daran, den zu Unrecht vergessenen Meister des witzigen Grauens wieder zu entdecken und stellen in ihrer szenischen Lesung drei der schaurig-schönen Grotesken vor.


Premiere: 30.10.2009 / Eine Produktion für die 3. TANZ KULTUR WOCHE GÖTTINGEN

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Lachende Wüsten
Eine kurze Geschichte über die Liebe


Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein. Auf einer Betriebsfeier lernt Wolfgang Irene, die Frau seines engsten Mitarbeiters Joachim, kennen. Bereits an dem Abend gesteht er Irene seine Verliebtheit. Irene geht auf Wolfgangs Avancen im Rahmen der Konventionen ein, macht ihm aber unmissverständlich klar, dass sie kein Interesse an einer Affäre hat. In den folgenden Wochen versucht Wolfgang immer wieder, sich zwischen das Paar zu drängen. Seine Übergriffe verursachen Spannungen zwischen den Eheleuten. Als ein Ingenieur wegen Krankheit für einen riskanten Auslandseinsatz ausfällt, fällt Wolfgangs Wahl auf Joachim. Joachim nimmt den Auftrag trotz Irenes Einwände an. Obwohl er davon überzeugt ist, dass Wolfgang beabsichtigt, seine Abwesenheit auszunutzen, vertraut er ihr...


Lachende Wüsten beschreibt eine banale wie unheilvolle Dreiecksbeziehung, in der Sympathie, sexuelles Begehren und eheliche Liebe in spannungsvollem Kontrast zueinander stehen – eine Geschichte, in der Leidenschaft und Liebe ebenso komische wie tragische Züge annehmen können. Das Stück wurde anlässlich der vierteiligen Projektreihe „Drei Farben Licht” in der Klosterkirche Nikolausberg verfasst und wurde am 14. November 2009 unter dem Titel „Rot” als dritter Beitrag der Veranstaltungsserie gezeigt. Als Bühnenmusik spielte der Göttinger Lautenist und Gitarrist Andreas Düker Werke für Vihuela aus der Zeit der spanischen Renaissance: Stücke von Milan, Narváez, Valderrábano und Mudarra.


Premiere: 14.11.2009 / Klosterkirche Nikolausberg, Göttingen / Eine Produktion im Rahmen des Kooperationsprojekts DREI FARBEN LICHT


Pressestimme


Die bekannteste Ehebruchsgeschichte der Weltliteratur – Brecht hat sie mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination oft gelesen – steht in der Bibel: König David bemächtigt sich der schönen Bathseba, schwängert sie und schickt, um diese Untat zu vertuschen, deren Mann Uria, einen überaus loyalen Soldaten, perfide in den Tod auf dem Schlachtfeld. Der Prophet Nathan führt dem König mit einer Parabel dessen Schuld vor Augen, das Kind stirbt, David und Bathseba heiraten, der gesegnete Thronfolger Salomo wird geboren.
Eine Sex-and-crime-Geschichte, die auf die Bühne zu bringen einiges an dramaturgischem Geschick erfordert, zumal wenn sie als gegenwärtige Geschichte adaptiert wird. Am Sonnabend war eine packende Inszenierung dieses Dramas im Rahmen des Nikolausberger Theaterprojekts „Drei Farben – Licht“ zu erleben: Stefan Dehlers szenische Erzählung Lachende Wüsten.


Sechs rot gedeckte Tische – sie geben Halt, bilden aber auch ein Labyrinth – in der Mitte der Klosterkirche nötigen die Schauspieler zu einem Höchstmaß an Präsenz, das das Lesen aus den Textbüchern noch zulässt. Dehler selbst übernahm die Uria-Rolle des Ingenieurs Joachim, der von seinem Chef und Freund Wolfgang (Christoph Huber) zu einer Montage in den Irak geschickt wird und dort zu Tode kommt, nachdem die Sicherheitsvorkehrungen reduziert worden waren. Motiv für dieses Schurkenstück ist Joachims Frau Irene (Tasha Skowronek), die der großspurige und übergriffige Wolfgang unverhohlen anmacht. Irene erfährt, dass Wolfgang Menschen so „ansieht, dass sie bloßgestellt werden“.


Tasha Skowronek gibt eine tapfere und hilflose Bathseba-Irene, die freilich „rot im Gesicht“ wird, was eine groteske Brechung des begehrlichen Rots ist. Joachim ist zwischen Liebe und Loyalität gefangen, seine Liebe spinnt sich ein in Fatalismus. Diese selbstquälerische Dreiecksbeziehung setzt Angst, Zorn und Hass, Misstrauen und Verzweiflung frei – was ist ein Gewand der Liebe, was nur ein knapper Schurz der Begierde?


Dass die Liebe „alles kaputt macht“, sagt Irene, als sie zwischen den beiden Männern steht, und meint damit kaum nur die begehrende Liebe, sondern auch die Hingabe. Wie erfüllte Liebe Menschen verwandelt, verrät Wolfgangs Sprache: Spricht er als Begehrender noch grob, anzüglich, zeigt er sich später als Irenes Mann sensibel. Unklar ist, in welchem Maß Dehler die Kontamination der Liebe durch Macht wahrgenommen hat. Dehler konzentriert sich in seiner Adaption der biblischen Geschichte auf die verstörend-zerstörerische Seite der Liebe. Die durch die Propheten-Parabel bewirkte Schuldeinsicht und Sühne in der Bibel wird nicht thematisiert. Klug vermeidet Dehler simple Parallelisierungen: Anders als der biblische David etwa ist Wolfgang geschieden. Eindrucksvoll, wie hier das biblische Loyalitätsverhältnis David-Uria in Freundschaft transformiert wird, die der Liebe zum Opfer fällt. Bewegend, wie manches in der Schwebe bleibt: So antwortet Irene auf die Frage ihres zweiten Mannes Wolfgang, ob sie „es eigentlich bereut“ habe, mit einem kryptischen „Nein – das nicht.“


Andreas Düker bespielte Szenen und Pausen mit intimer Musik aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts. Dazu nahm er mit seiner Vihuela, einer spanischen Frühform der Gitarre, Platz auf vier Podesten hinter den Zuschauern. Schöne Musik – aber warum diese und nicht etwa Blues? Fazit: Hier war biblisch inspiriertes Theater von Rang zu erleben. Dieser eindrücklichen Premiere sollten noch viele Aufführungen folgen.


Göttinger Tageblatt, 17.11.2009

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Eine Weihnachtsgeschichte
nach der Erzählung von Charles Dickens


Drei Geister werden ihm von seinem verstorbenen Geschäftspartner angekündigt, und tatsächlich erscheinen dem notorisch geizigen Ebenezer Scrooge die Geister der vergangenen, der aktuellen und der zukünftigen Weihnacht, um ihn von seinen einstigen Idealen, der Notwendigkeit des Mitgefühls und vom traurige Ende eines dem Geld geweihten Lebens zu erzählen. Was Charles Dickens seinem unsympathischen Helden Scrooge an intellektueller und emotionaler Wandlung durch die Begegnung mit den unkörperlichen Boten zutraut, ist wahrlich nicht glaubhaft, aber durch und durch eine bedenkenswerte, unterhaltsame und hoch moralische Sache.


Stefan Dehler und Christoph Huber erzählen in ihrer Bühnenfassung des globalen Buch-Hits die Geschichte mit Liebe zum Text und zu den Figuren, immer aber auch mit einem ironischen Augenblitzen und viel Schalk im Nacken nach.


Premiere: 25.11.2009 / APEX, Göttingen


Pressestimme


Den Sinn des Weihnachtsfestes fühlen, die eigenen Bedürfnisse hintanstellen, um seine Mitmenschen  intensiver wahrzunehmen: Das sind die Botschaften der „Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens’  Roman „A Christmas Carol“.


Diese haben Stefan Dehler und Christoph Huber den Zuschauer im Göttinger  Apex mitgegeben. Als sie nach 100 Minuten völlig außer Atem die kleine Bühne verlassen, füllt  Nächstenliebe den Raum. Dehler als einstiger Geizkragen und Egoist Scrooge schüttelt die Hände  sämtlicher Zuschauer, strahlt sie an. Dem Schauspieler gelingt eine nicht einfache Mission: Er  inszeniert eine festliche Stimmung, ohne sentimental oder gar kitschig daher zukommen. Die Gäste  jedenfalls sind ergriffen – und verweilen noch einige Momente auf ihren Stühlen.


Dabei fängt die  Geschichte bekanntlich ganz herzlos an: Herr Scrooge ist ein Halsabschneider par excellence. Sein  übersteigerter Geiz, gegen sich selbst und sein Umfeld, treibt ihn in völlige Isolation, sogar am  geselligen Weihnachtsabend. Den verbringt er, wie seit vielen Jahren, allein mit einer Dose Ravioli.  Während Scrooge nach dem kargen Mahl zur Ruhe kommt, wird er von einem Geist in Gestalt seines  verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley aufgesucht. In diesem Moment setzt die Wandlung ein,  in der das Ekel peu à peu menschliche Züge erhält. Für den Geister-Part sorgt ein furioser Christopher  Huber, der sich, mit spärlichen Requisiten, in die einzelnen Rollen hineinspielt.


Ein schöner  Weihnachtsklassiker, dem die stillen hunde ihre persönliche Note aufgedrückt haben. Ihre fantasievolle  Fassung animiert nicht nur zum Nachdenken, sie macht auch Spaß.


Göttinger Tageblatt, 14.12.2009



2010

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Der Alptraum vom ewigen Leben: Dracula

Szenische Lesung des Romans von Bram Stoker


Sie sind aus der Riege der mythologischen Superstars nicht mehr wegzudenken: Vampire. Die blutsaugenden Untoten erweisen sich als bemerkenswert vital. Von modischen Eintagsfliegen kann dabei nicht die Rede sein. Das Interesse eines breiten Publikums an den geheimnisvollen Kunstfiguren ist seit gut 150 Jahren ungebrochen. Die Popkultur spricht da eine unmissverständliche Sprache. Betrachtet man das Angebot in den Buchhandlungen und die Programme der Kinos lässt sich feststellen: Vampire sind allgegenwärtig. Es vergeht kein Jahr, ohne ein bestsellerlistenstürmendes Buch, das die unheimlichen Wesen zum Thema hat. Auch im Kino wird der Mythos in immer neuen Varianten zelebriert. Vampire tummeln sich in allen Kunstsparten und Genres. Sie sind Gegenstand philosophischer Betrachtung und wissenschaftlicher Forschung.


Dabei war es ein langer Weg vom ersten Auftreten in Märchen und Sagen bis hin zu den Hauptrollen in Buchbestsellern und in den Leinwanddramen und Actionfilmen Hollywoods. Die zahllosen Rollen und Verkleidungen, in denen die fiktiven Untoten einem heutigen Massenpublikum begegnen, verbergen jedoch nur unzulänglich den immer gleichen mythologischen Konflikt, der mit ihrer Existenz verbunden ist. Der Vampir ist stets ein Parasit der lebendigen Welt – und er leidet stets daran. In ihm ist der alte Menschheitstraum vom ewigen Leben pervertiert. Das Nicht-sterben-müssen ist in den Geschichten über die Untoten zu einer furchterregenden Utopie, ja zu einer hochmoralischen Mahnung an die Lebenden geworden. Das Vampirdasein beruht auf einem Pakt mit dem Teufel. Es ist ein Gegenentwurf zur dienenden, aber lustvoll erlebten Existenz der Engel. Der Vampir ist immer ein Handlanger des Bösen, und wie jeder, der einen Vertrag mit dem Teufel gemacht hat, zieht auch der Vampir am Ende den Kürzeren. Er hat im Tauch gegen die unsterbliche Seele die begehrte körperliche Unsterblichkeit erlangt. Das hebt ihn über die menschliche Existenz. Kalt lächelnd betrachtet er die kleinen und großen Ängste und Sehnsüchte der kurzlebigen Menschen, er sieht Jahrhunderte vorbeiziehen, Weltreiche entstehen und fallen. Aber gleichzeitig wirft diese Art der körperlichen Unsterblichkeit den Vampir auf den Rang eines niederen Lebewesens zurück. Die Welt kann der Vampir immer nur durch die Schlüssellochperspektive und stets im Abglanz des Lichtes wahrnehmen: Er ist in einer Hölle eingeschlossen. Sein ganzes Dasein wird von der unstillbaren Gier nach Blut und vor der Angst vor dem zerstörerischen Tageslicht bestimmt. Wie ein Junkie hängt er vom Blutstrom seiner Opfer ab, die er nachts überfallen und töten muss. Perfiderweise hat ihnen der Teufelspakt starke Gefühle belassen. In ihren Herzen nähren die Vampire die Sehnsucht nach sozialer Teilhabe, oft sogar eine Zuneigung zu einem einzelnen Menschen, heimliches erotisches Verlangen, Liebe - aber sie müssen asoziale Bestien bleiben. Egal, was ein Vampir weiß und wünscht: Am Ende muss er töten, und in jeder seiner grauenvollen Mordtaten schwingt paradoxerweise eine leise Hoffnung nach dauerhafter Erlösung mit.


Die prägendste Form des Vampirmythos schuf 1897 der irische Schriftsteller Bram Stoker mit dem Roman Dracula. Er kann zwar nicht als dessen Erfinder bezeichnet werden, aber er gestaltete die Figur des eleganten Todesengels, der seine Bestialität hinter formvollendetem Auftreten verbirgt, so eindrücklich, dass sie zu einem literarischen Welterfolg und in Folge zu dem heutigen popkulturellen Phänomen wurde. Stoker, der hauptberuflich als Beamter der Dienstaufsichtsverwaltung der Justizbehörde arbeitete, war nebenberuflich als Journalist, Theaterkritiker und Autor von Erzählungen und Romanen tätig. Den Erfolg seines Buches erlebte er nicht mehr. 1912 starb er fünfundsechzigjährig in bescheidenen finanziellen Verhältnissen in London.


Stefan Dehler und Christoph Huber stellen mit Bram Stokers „Dracula” das Urbild aller nachfolgenden Vampir-Romane in einer szenischen Lesung vor. Sie begeben sich auf eine Spurensuche nach den Quellen des Mythos, führen die Zuschauer in die unheimliche Bergwelt der Karpaten und tief ins Herz der Finsternis: das Schloss des unsterblichen Grafen Dracula. Mit dem sich selbst aus der Einsamkeit Transsilvaniens befreienden Vampir betreten sie das viktorianische England an der Schwelle zur Moderne und entdecken eine Liebesgeschichte, deren tragischer Ausgang durch die Wesensverschiedenheit und den sozialen Stand der Beteiligten vorherbestimmt ist.


Premiere: Januar 2020 / Stadtbibliothek Göttingen / Eine Produktion für die Veranstaltungsreihe DIE LANGE NACHT DER LITERATUR des Arbeitskreises der südniedersächsischen Bibliotheken


Pressestimme


Das Göttinger Schauspielerduo »stille Hunde« gastierte kürzlich in der Einbecker Stadtbibliothek. Mit viel Witz, Charme, Rollenvielfalt und tagesaktuellen Anspielungen rissen Christoph Huber und Stefan Dehler die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin. In der szenischen Lesung wurde Bram Stokers Roman »Dracula« umgesetzt.


Jonathan Harker (Dehler) wird beauftragt, nach Transsylvanien zu reisen, um dort dem Grafen Dracula einige Immobilien in England zu verkaufen. »Unter anderem Downing Street Number 10, da steht sowieso im Mai ein Wechsel an«, sagt sein Auftraggeber Hawkins (Huber). Harker muss deswegen extra seine Hochzeit mit Mina Murray verschieben, »bei dem Gespräch ging ich durch die Hölle«, versichert er. Nach einer beschwerlichen Reise erreicht er die Karpaten und kehrt in einem Gasthaus ein, wo ihm ein mürrischer Wirt (Huber) ein »Babrika-Händl« serviert. Illustriert wurde dies mit einem schreiend gelben Gummihuhn, das im Laufe des Stücks noch öfter vorkommen sollte. Obwohl ihm von einer alten Bäuerin (wieder Huber, der den Rollenwechsel mit einem lauten Seufzer und einem gemurmelten »Och ne« quittierte) von der Reise zum Schloss des Grafen abgeraten wird, besteigt er dennoch die Kutsche. Im Schloss trifft er auf Dracula (Huber), dessen lange schwarze Haare mit weißen Strähnchen das Publikum zum Lachen brachten.


Nach Klärung des Geschäftlichen lässt der Graf ihn allein, da er »einen Friseurtermin« habe, »Strähnchen und so«. Harker wird in dieser Nacht jedoch von den Vampirgespielinnen des Grafen gebissen, doch sein Silberkreuz rettet ihn. Er kann den Fängen des Grafen nur mit Mühe entkommen.


Ein Rollenwechsel vollzog sich im zweiten Teil des Stücks, der in Englang spielt: Huber verkörperte nun den Vampirjäger Abraham van Helsing, Dehler glänzte in seiner Rolle als Dr. Seward, der eine Irrenanstalt leitet. Doch auch Dracula (nun Dehler) war auf die Insel gereist und hatte dort Lucy Westenra seine Fänge in den Leib geschlagen. Van Helsing klärt Seward über die Male an Lucys Hals auf: »Dies sind Bisse des gefährlichsten Wesens der Welt«, worauf Seward erwidert: »Meiner Schwiegermutter?« Nun entwickelte sich ein munteres Scharmützel mit unzählbaren fliegenden Rollenwechseln der beiden Schauspieler.


Dehler wurde binnen Sekunden mit einem angeklebten Schnurrbart zu Lord Godalming, Lucys Verlobten, mit Cowboyhut zu dem ebenfalls in sie verliebten Texaner Quincey P. Morris, zum Irrenhauspatienten Renfield, der Dracula seinen Meister nennt, und er wechselte blitzschnell zu Seward und trat schließlich wieder als Harker auf. Das quietschende Gummihuhn wurde kurzerhand zu Lucy, Seward hoffte, »dass bei der Bluttransfusion keine Minderjährigen anwesend sind«. Dracula wird wegen seiner langen Haare mit »Tschüss, Ozzy Osbourne« von van Helsing verabschiedet, nachdem er Lucy endgültig ausgesaugt hat. Nachdem sie von Lord Godalming gepfählt wurde, machen sich van Helsing, Harker, Morris und Seward nach Transsylvanien auf, um Dracula endgültig auszuschalten. Morris wird bei einem Feuergefecht in den Karpaten getötet, die Sterbeszene dauert unendlich lang, was Huber zu dem Kommentar »Komm, mach hin« veranlasst. Dehler kontert: »Das hab ich nicht 14 Tage geübt, um es jetzt hier schnell runterzuleiern«. Zu guter Letzt kann Dracula aber besiegt werden.


Die beiden Schauspieler Christoph Huber und Stefan Dehler lieferten eine irrwitzige, rundum gelungene Leistung ab.


Spontane Reaktionen auf das Publikum und dessen Einbindung in das Stück lockerten die ohnehin ausgelassene Stimmung noch zusätzlich auf. Running Gags waren das als »Babrika-Händl« titulierte Gummihuhn und das Silberkreuz, dass Harker an einer Kette um den Hals trug. In Ermangelung einer silbrigen Kette trug Huber ein ungefähr einen Meter großes Messingkreuz unter lautem Ächzen auf die Bühne. Noch beeindruckender als der Wort- und Spielwitz, den die beiden Göttinger an den Tag legten, war ihre Vielseitigkeit. Sie schlüpften in die verschiedensten Rollen, verstellten Tonlage und Gestik binnen Sekunden und lebten so ihre Figuren. Das dreistündige Spektakel in der Stadtbibliothek war eine perfekte Demonstration, wie man zu Zweit ein Publikum mitreißt und begeistert.

Einbecker Morgenpost, 19.04.2010

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Nipple Jesus
Monolog von Nick Hornby


Den ehemaligen Türsteher David hat es in die Kunstszene verschlagen. Seit ein paar Wochen ist er Aufseher in einer Galerie. Den Job hat er vor allem seiner Frau zuliebe angenommen - na ja, man wird nicht jünger, und die Arbeitszeiten im Nachtclub sind für einen Familienvater nicht die besten. Ein kleiner Trost ist, dass ihm die Museumsleitung eine seinen Fähigkeiten angemessene Sonderaufgabe zugeteilt hat. David ist abgestellt, um ein Kunstobjekt zu bewachen, das Potential zum Skandal hat: NippleJesus heißt das Bild einer jungen Künstlerin, das den gekreuzigten Christus zeigt –zusammengesetzt aus kleinen Bildern entblößter Frauenbrüste, Papierschnipseln, ausgeschnitten aus Pornomagazinen. Anfänglich ist David schockiert von dem Kunstwerk, aber je länger er sich mit dem Bild beschäftigt, je mehr er mit dogmatischen Kunstrichtern und Sittenwächtern konfrontiert wird, um so mehr findet er sich bereit, die Arbeit der Künstlerin zu verteidigen. Als es eines Tages religiösen Fanatikern gelingt, einen Anschlag auf das Bild zu verüben, ist er tief geknickt - und muss wenig später feststellen, dass er mehr als er jemals ahnte, Teil des Kunstwerks geworden ist.


Der Monolog des Kult-Autors Nick Hornby aus dem Buch „Speaking with the Angel” ist eine geistreiche Komödie über Kunst und Kommunikation - und der einzige Text, den der Autor bislang für die Bühne freigegeben hat. stille hunde zeigt die Geschichte des sich zunehmend mit dem Skandalwerk identifizierenden Aufsehers David mit Christoph Huber in der Hauptrolle in den Räumen der Galerie Apex.


Premiere: 30.01.2010 / APEX, Göttingen


Pressestimme


Die Zuschauer sitzen in drei Stuhlreihen an der Längsseite des Raums, die Vorhänge sind komplett zurückgeschoben, alles ist hell erleuchtet, viel weiße Wand. Die Apexbühne erstreckt sich nicht nur über das Podest, sondern reicht bis hinter die Plätze der Zuschauer, der ganze Raum ist Schauplatz. Das Publikum sitzt mittendrin. Mitten in einer Kunstgalerie und ihrer typisch reduzierten, kühlen Atmosphäre.


Auf dem Podest steht ein einziger Betonsockel, auf dem ein vor sich hindudelndes altes Radio mit angeklebter Blume thront. An der Längsseite des Raums ein weiteres Kunstwerk: Mit Paketband kleben Umrisse dreier überdimensionaler Nikolaushäuser an der Wand. Dann kommt David. Ein Koloss von Mann. „Ich bin 1,88 Meter groß und habe fast 100 Kilo. Ich sehe handfest aus, sag ich mal.“ Meint er in osteuropäischem Dialekt, und seine ganze Erscheinung ist so sehr die des ehemaligen Türstehers eines Nachtclubs, dass man keinen Moment im Zweifel ist, dass die Geschichte, die er nun zu erzählen beginnt, stimmt.


David, gespielt von Christoph Huber, hat seinen Job in der Disco geschmissen („Ich will nicht vor irgendeinem verwichsten Club sterben!“) und arbeitet nun als Aufseher in einer Galerie. Ein ruhiger Job sollte man meinen. Allerdings soll David ein Kunstobjekt bewachen, das einen Skandal provozierte: Das Bild heißt „Nipple Jesus“ und ist die Collage des gekreuzigten Jesus Christus bestehend aus tausenden zusammengesetzten Brustwarzen, ausgeschnitten aus Pornomagazinen.


Zunächst ist David hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu. Nachdem er aber einige Stunden vor und mit dem Bild Wache gehalten hat, wird er nachdenklich. „Man sieht richtig, wie weh das getan haben muss, als sie ihn da angenagelt haben! Ein verdammt gutes Bild, weil es einen zum Nachdenken bringt!“ meint der einfache Mann und merkt dabei nicht, wie tief er selbst schon in die Welt der Kunst eingedrungen ist.


David wird konfrontiert mit religiösen Fanatikern, vermeintlichen Intellektuellen und schließlich mit der Künstlerin selbst. Über seiner täglichen Arbeit merkt er nicht, dass er selbst Teil des Kunstprojekts geworden ist, und so kommt die Pointe schließlich für alle überraschend. Wie sehr das Publikum von der Atmosphäre und Authentizität ergriffen ist, die die Stillen Hunde unter der Regie von Stefan Dehler in ihrem Einpersonenstück nach einer Kurzgeschichte von Nick Hornby schaffen, zeigt sich in einem unvorhergesehenen Zwischenfall: Christoph Huber (David) verschwindet plötzlich hinter der Bühne und tritt nicht wieder auf. Das Publikum wundert sich nicht und geht davon aus, dass das Verschwinden Teil des Stücks ist. Einige Minuten später erscheint dann aber der Regisseur und berichtet, dass Huber übel geworden sei. Worauf sich die Zuschauer zweifelnd fragten: Ist das jetzt echt?


Ja, es war echt. Nach einiger Verwirrung und kurzer Unterbrechung las Dehler dann den Schluss vor. Trotzdem ein ergreifender Nachmittag und ein lohnendes Stück.


Göttinger Tageblatt, 03.02.2010

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6. - 12. Februar 2010
stille hunde zu Gast in Mazedonien


Auf Einladung des Goethe-Instituts gastieren Stefan Dehler und Christoph Huber mit ihrer Bühnenfassung des Bilderbuchklassikers „Die kleine Raupe Nimmersatt” eine Woche lang in Mazedonien. Das Kinderstück wird in Grundschulen der Hauptstadt Skopje und anderen Städten gezeigt. In Verbindung mit Workshops ergänzen die Theateraufführungen den Deutschunterricht, der in mazedonischen Grundschulen neu eingeführt wurde.

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Lob des Weins im Dialog der Poeten

Ein vinophiler Wettstreit um die besten Tropfen und Verse von der Antike bis zur Gegenwart


Die Weinherstellung gehört zu den ältesten Kulturleistungen der Menschheit. Es ist erstaunlich, wie weit die Kenntnisse von der Kultivierung der Reben und der gezielt in Gang gebrachten und kontrollierten alkoholischen Gärung der Trauben zurückreichen. Bereits die frühen Hochkulturen des Mittleren und Vorderen Orients Mesopotamiens und Ägyptens schätzten den Wein. Inschriften und Wandgemälde dokumentieren die große Bedeutung, die diesem Lebens-, aber auch Genussmittel zukam: die Überreste der Behältnissen, die einst zur Aufbewahrung des kostbaren Getränks dienten, künden ebenso deutlich davon wie viele schriftliche Überlieferungen - unter denen sich auch Zeugnisse großer Dichtkunst finden.


Stefan Dehler und Christoph Huber präsentieren anhand literarischer Fundstücke aus unterschiedlichen Epochen eine kleinen Kulturgeschichte des Weins.


Premiere: 01.03.2010 / Bremers Weinkeller am Wall, Göttingen

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Gerechtigkeit wohnt nur im Himmel: Die Grimms in Göttingen

Ein Live-Feature zum Themenschwerpunkt der 9. Göttinger Märchenwoche


Premiere: 07.03.2010 / Holbornsches Haus, Göttingen / Eine Produktion für die 9. GÖTTINGER MÄRCHENWOCHE des Göttinger Märchenland e.V.

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Frühling lässt sein blaues Band

Lyrik und Prosa über die schönste Jahreszeit


„Eine echte Auferstehung, ein Stück Unsterblichkeit“, so bejubelte der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau Anfang des neunzehnten Jahrhunderts überschwänglich den Frühlingsbeginn – und reihte sich mit diesen Worten ein in die Riege der Poeten, die dem Frühling besondere dichterische Wertschätzung zukommen ließen. Tatsächlich: Keine Jahreszeit ist so oft und so lobend besungen worden wie der Frühling. Die Freude über das Ende der Winterkälte, das sehnsüchtig erhoffte Erwachen der Natur und den Anbruch der Zeit der Liebe waren und sind zu allen Epochen die vorherrschenden Themen der Frühlingslyrik - der unbeschwert heiteren ebenso wie der von einem wehmütigen Zug durchwehten und der mit einem satirischen Stich.


Stefan Dehler und Christoph Huber haben sich auf einen Streifzug durch „Dichterfrühlinge“ aus drei Jahrhunderten begeben und ihre schönsten Fundstücke in einer Lesung zusammengestellt: Hymnen, Oden, Balladen und Lieder im Volkston – verfasst von namenhaften Autorinnen und Autoren. Natürlich ist das tragikomische Goethesche „Veilchen“ ebenso darunter wie Mörikes berühmtes „blaues Band“, das der Veranstaltung ihren Titel gibt. Passend zu den literarischen Leckerbissen serviert Elke Sauerbrey vom Restaurant Es ein besonderes „Frühlingsmenü“.


Premiere: 07.05.2010 / Restaurant Es, Osterode

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Synchronpoesie:

Ungarische Lyrik - Die Meister der Melancholie

Werke von Endre Ady, József Attila, Mihály Babits, Miklós Radnóti und Árpád Tóth


Europäische Lyrik bildet den Schwerpunkt einer neuen Göttinger Veranstaltungsreihe: Unter dem Titel „Synchronpoesie” werden lyrische Texte in der Originalsprache und in deutscher Übertragung zu hören sein. Den Auftakt macht ein in Bezug auf seine Lyrik in Westeuropa eher weniger bekanntes Land: Ungarn. Die Eigenheiten der ungarischen Sprache, ihre Dichte und archaische Struktur, haben den großen Dichtern des ausgehenden 19. und des beginnenden zwanzigsten Jahrhundert den Weg in den Westen verstellt. In ihrer Heimat gelten aber Autoren wie Endre Ady und Attila József nicht nur als Wegbereiter der Moderne, sondern als Großmeister ihres Genres – und das mit Recht.


Einen repräsentativen Querschnitt durch die ungarischen Poesie bietet nun der zweisprachige Abend „Wehmut und Melancholie“, bei dem Zoltán Sumonyi-Papp, Dichter, Kritiker, Journalist und seit 2002 Vizepräsident des ungarischen PEN-Clubs, die Lyrik in der Originalsprache vorstellen wird. Stefan Dehler und Christoph Huber tragen die deutschen Übersetzungen vor.


Premiere: 20.05.2010 / Junkernschänke, Göttingen

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Ein so ungeheurer Vorfall

Szenische Lesung von Novellen und Anekdoten von Heinrich von Kleist


Neben der Liebesgeschichte inmitten der Wirren einer Naturkatstrophe, die Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Das Erdbeben von Chili" erzählt, stellen Stefan Dehler und Christoph Huber in ihrer szenischen Lesung mit „Die Marquise von O.” und „Ein so ungeheurer Vorfall” zwei weitere Meisterwerke des Autors vor.


Premiere: 17.06.2010 / Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen

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Wie man sich bettet: Erzählungen aus Frau Holles Kopfkissenbuch

Federmärchen und Bettgeschichten aus aller Welt


Premiere: 10.08.2010 / Betten Heller, Göttingen / Eine Produktion für die 9. GÖTTINGER MÄRCHENWOCHE des Göttinger Märchenland e.V.

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Der Drachentöter: Die Sage vom Siegfried, sehr frei nacherzählt vom Wandertheaterbetreiber Alberto Kniff

Eine Komödie in sieben Bildern nach den alten Heldengesängen


Heimische Wälder: drachenfrei heute. Schuld daran: der Kampfgeist einstiger Recken. Der berühmteste: Siegfried. Aus dessen Leben hat der Wandertheaterbetreiber Alberto ein Stück gemacht. Mit sich selbst als einzigem Darsteller will er sein Meisterwerk auf die Bühne bringen. Bedroht wird die künstlerische Großtat durch seinen Helfer, der frech nach der Titelrolle greift. Und so stolpern Herr und Diener streitend durch alle Hohlwege und Hürden der alten Sage und verbrennen sich nicht nur an Drachenatem, gut beheizten Jungfrauenfelsen und heißer Liebe die Finger.


Premiere: 14.08.2010 / Stadtbibliothek Göttingen / Eine Produktion für die Veranstaltungsreihe  SOMMERNACHTSBIBLIOTHEK der Stadtbibliothek Göttingen


Pressestimme


Eine dürftig zusammengeschusterte Wandertheaterbühne, vielleicht irgendwo auf einem Jahrmarkt oder Volksfest: ein paar ramponierte Paletten, ein staubiger Vorhang, eine Lichterkette und ein Kühlschrank.


Was diese Szenerie zu tun haben soll mit Siegfried, dem kampferprobten Helden nordischer Sagen, den Inbegriff der Männlichkeit und des Mutes, der sich auszeichnet durch körperliche Größe und Jugendschönheit, durch gewaltige Kräfte und Augen, die so scharf sind, dass niemand hineinsehen kann, erschließt sich erst, als die „Stillen Hunde“ die Bühne in der Stadtbibliothek betreten.


Alberto Kniff (Christoph Huber), in erster Linie gescheiterte Existenz mit Hang zum Alkoholismus, will sein selbst geschriebenes Meisterwerk „Siegfried“ mit sich selbst als einzigem Darsteller aufführen. Was schnell deutlich wird: Die des heldenhaften Siegfrieds ist die Rolle, in der er sich selbst am ehesten sieht – schön, stark und voller Testosteron. Gerechnet hat er dabei nicht mit seinem Lakaien Schalentier, der, schikaniert und ausgelaugt, scheinbar noch weniger zu verlieren hat, als sein Meister. Stefan Dehler glänzt in der Rolle des ewigen Verlierers, ungepflegt und mit dicker Hornbrille, der sich ungeniert und ausdauernd kratzt und dem Leben gegenüber einen unwiderstehlichen Witz entwickelt hat. Ausgerechnet er ist es, der die Rolle des Siegfried dann doch an sich reißen kann, und so entsteht eine urkomische Aufführung, in der die beiden gestrandeten Lebenskünstler über sich selbst hinauswachsen. Die Bühne macht möglich, was im wahren Leben so gar nicht gehen will.


Der trottelige, kurzsichtige Diener hat Gelegenheit als mutiger, scharfsichtiger Siegfried hoch über dem Drachen, seinem Meister, zu stehen und ihn windelweich zu prügeln. Der Meister, der so gerne jemand wäre, reitet als König Gunther nach Island, um seine Brunhild zu heiraten. Stärken müssen sich die beiden immer wieder mit „Drachenatem“, der das Schnapstrinken während der Aufführung legitimiert und der ihnen über manches Fehlen von Requisiten hinweghilft. Ein Kehrbesen wird zum Pferd, der Kühlschrank zum Grabstein Siegfrieds.


Musikalisch untermalt wird „Der Drachentöter“ von dem Gitarristen Leon Hast, der konstant alle Stimmungen und Spannungen eindrucksvoll einfängt. Der Abend wird so wieder zu einem kreativ, humoristischen Glanzstück der „Stillen Hunde“. Unerschrocken und wendig poltern sie über die Bühne und schaffen eine Geschichte in einer Geschichte über eine nordische Sage – mit sagenhaftem Witz.


Göttinger Tageblatt, 17.08.2010

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Kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes

Grimmige Geschichten


Premiere: 31.10.2010 / Altes Rathaus, Göttingen / Eine Produktion für die 9. GÖTTINGER MÄRCHENWOCHE des Göttinger Märchenland e.V.

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26. - 29. November 2010

stille hunde zu Gast in Bukarest


Christoph Huber führt auf Einladung des Goethe-Instituts im Rahmen der Initiative SCHULEN: PARTNER DER ZUKUNFT einen mehrtägigen theaterpädagogischen Workshop für Lehrkräfte in Bukarest durch. Hauptbestandteil des Weiterbildungsprogramms ist die praktische Vermittlung von Spielvorschlägen und szenischen Übungen, die im Deutschunterricht der Grundschulen eingesetzt werden können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus verschiedenen Regionen Rumäniens.

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Cyrano von Bergerac
nach dem Schauspiel von Edmond Rostand


Christian ist gutaussehend, Cyrano intelligent. Was der eine hat, fehlt dem anderen. Zusammen ergäben die beiden aber den idealen Mann - einen, wie ihn sich die schöne Roxane als Liebhaber erträumt. Also arbeiten die ungleichen Freunde gemeinsam daran, Roxane zu erobern. Mit Cyranos Ideen und Christians gutem Aussehen gelingt das. Roxane ist begeistert von den Briefen und Gedichten, die Christian ihr schickt, die aber allesamt aus Cyranos Feder stammen. Als sich Christian dank Cyranos Einflüsterung auch bei den heimlichen Treffen unter vier Augen als intelligent und einfühlsam zeigt, glaubt Roxane, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Die Freude der Männer über diesen Erfolg hält nicht an; insgeheim wissen sie: Alles ist Illusion. Keinem gehört das Herz Roxanes allein...


stille hunde zeigt Edmond Rostands berühmte Dreiecksgeschichte, die als Liebeskomödie beginnt und als Tragödie der Lügen, Selbstverleugnungen und Selbsttäuschungen ausklingt, in einer konzentrierten und pointierten Neufassung.


Premiere: 02.12.2010 / APEX, Göttingen



2011

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Amerikanische Komödien

Szenische Lesung von zwei Erzählungen von Mark Twain


Mark Twain, dessen einhundertster Todestag sich am 21. April 2010 gejährt hat, darf als der bekannteste und meistgelesene amerikanischen Schriftsteller seiner Zeit gelten. Viele seiner Erzählungen und Reiseberichte, vor allem aber seine autobiografisch gefärbten Jugendbücher, in denen die Abenteuer der beiden Halbwüchsigen Tom Sawyer und Huckleberry Finn geschildert werden, haben Kultstatus erlangt und sind immer noch Bestseller. Besonders seine Kurzgeschichten gelten durch ihre satirische Brillanz bis heute als Meisterwerke des Genres und zeichnen trotz ihres humorvollen Tons zutiefst kritische Bilder der USA und ihrer Nationalmythen -  Bilder, die Stärken und Schwächen des „amerikanischen Geistes“ gleichermaßen zeigen und in ihrer schillernden Zweideutigkeit einen ebenso mutigen und respektlosen wie moralischen Schriftsteller verraten.


Die turbulenten Ereignisse rund um ein anonymes Geldgeschenk, die der Autor in „Wie Hadleyburg moralisch auf den Hund kam“ beschreibt, enthüllen im Gewand einer Sittenkomödie schonungslos die Doppelmoral einer von puritanischer Weltanschauung geprägten Kleinstadt. In „Die Romanze einer Eskimojungfrau“ portraitiert sich der Autor selbst - in der Rolle eines naiven Berichterstatters am Rande der zivilisierten Welt: Zwischen Begeisterung für ein Leben in Einklang mit der Natur und dem Ekel vor den vermeintlich barbarischen Gebräuchen der Eingeborenen schwankend, gibt er ein Interview mit einer reichen Stammesfürstentochter wieder – das den Einfluss der Zivilisation als unheilvollen Dreh- und Angelpunkt einer tragischen Liebesgeschichte enthüllt. Manche der von Twain geschilderten Verhältnisse gehören inzwischen zum Repertoire nostalgischer Betrachtungen, sind literarische Museumsstücke geworden, die befreit von aktueller politischer Relevanz nur noch in versöhnlich-humorvollem Glanz strahlen. Viele der Beschreibungen aber berühren immer noch – oder mehr denn je – die aktuellen Probleme einer Nation, die an einem historischen Scheideweg zu stehen scheint und sich mit einer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Neubestimmung auf ihre alten Stärken besinnen muss, um ihre Weltgeltung behaupten zu können.


Mit zwei Erzählungen Twains im Handgepäck („Wie Hadleyburg moralisch auf den Hund kam“ und „Die Romanze einer Eskimojungfrau“) brechen Stefan Dehler und Christoph Huber zu einer Reise durch die moralischen Landschaften eines fortschrittsgläubigen, stolzen und dennoch verletzlichen Kontinents auf,  machen darüber hinaus einen Abstecher zum Polarkreis, um einen Abglanz der Zivilisation zu bestaunen. Ganz dem Paradox Twains folgend eignen sie sich dabei die Personen und Gegenstände in liebevoller Betrachtung an und geben sie nichtsdestotrotz in spöttischer Distanz auch dem Gelächter preis.

Premiere: 14.01.2011 / Stadtbibliothek Göttingen / Eine Produktion für die Veranstaltungsreihe DIE LANGE NACHT DER LITERATUR des Arbeitskreises der südniedersächsischen Bibliotheken


Pressestimmen


Ein Mixer steht an diesem Abend im Mittelpunkt des Geschehens. Und dass, obwohl es solche Küchengeräte zu Mark Twains Zeiten noch nicht gegeben hat. Als Requisite setzten Stefan Dehler und Christoph Huber, die Göttinger Theatermacher „Stille Hunde“ dieses Gerät in ihrem neuen Programm „Amerikanische Komödien“ gekonnt ein. Die Stadtbibliothek, in der die szenische Lesung am Freitagabend stattfand, war zum Thema passend mit dem Sternenbanner dekoriert.


Die erste der beiden twainschen Satiren entführte das Publikum in eine Kleinstadt inmitten der USA. In dem Örtchen herrscht Aufruhr, denn ein Fremder hat vermeintlich einen Sack voller Goldstücke dort gelassen mit der Bitte an einen der Bürger, den rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen. Doch obwohl die Bewohner sich als rechtschaffene Menschen ausgeben, sind sie so geldgierig, dass sie sich in aller Öffentlichkeit um den letzten Funken Ansehen bringen.


Dies spielen Dehler und Huber mit viel Witz und wechseln dabei problemlos von einer Rolle in die nächste. Die Klischees kommen auch nicht zu kurz: Kein Bürger des Städtchens geht einen Schritt ohne Gewehr in der Hand und Cowboyhut auf dem Kopf. Außerdem erhält der Begriff Fast Food hier eine ganz neue Bedeutung: Eine im Mixer gequirlte Coca Cola als Abendbrot eines eitlen Ehepaares sorgt für viele Lacher.
Nach der Pause kommen dann „Walfischhoden“ (rote Beete) und ein Fisch in den Mixer, was das Publikum (leicht angewidert) kaum fassen kann. In der zweiten Erzählung unterhält Twain (Dehler) persönlich sich mit einem jungen Eskimomädchen (Huber), welches ihm die dortigen Spezialitäten präsentiert. Das allein ist schon sehr amüsant. Immer wieder nehmen die Schauspieler Kontakt zum Publikum auf, fallen dabei teilweise aus den Rollen, was die Premiere nur noch sympathischer macht. Als Huber dann in einer spontanen Reaktion, den fischigen Inhalt des Mixers aus dem Fenster, direkt vor den Eingang der Bibliothek kippt, ist bewiesen, dass das Team sich vor allem durch seine Flexibilität auf der Bühne auszeichnet.


Göttinger Tageblatt, 18.01.2011


Originell, ausdrucksstark und umwerfend komisch: Die Erwartungen sind hoch, wenn Stefan Dehler und Christoph Huber in der Stadtbibliothek angekündigt sind. Die Besucher wurden jedoch auch beim achten Auftritt der beiden Schauspieler in Osterode nicht enttäuscht, sondern erlebten einmal mehr eine amüsante Lesung.


Mit zwei Erzählungen von Mark Twain, der nicht nur Jugendbücher schrieb, sondern zudem als begnadeter Satiriker und scharfer Beobachter seiner Zeit gilt, hatten sich Huber und Dehler eine Steilvorlage ausgesucht, der sie wie gewohnt ihre ganz persönliche Prägung gaben. Mit der Kurzgeschichte „Wie Hadleyburg moralisch auf den Hund kam“ entlarvte Twain genüsslich die bigotte Tugendhaftigkeit und scheinheilige Wohlanständigkeit seiner Landsleute. Die Göttinger Schauspieler inszenierten den Text so meisterhaft, dass es den Zuschauern, die dicht gedrängt in der Bibliothek saßen, vor Lachen die Tränen in die Augen trieb.


Wie gewohnt ging das kongeniale Duo mit begeisternder Spielfreude und Vielseitigkeit zu Werk, setzte seine eigenen Spitzen, indem es die Waffenvernarrtheit der Amerikaner auf die Schippe nahm und jeden der Protagonisten ständig mit einem oder mehreren Gewehren hantieren ließ, agierte mit augenzwinkernder Selbstironie und lebte seine scheinbare Rivalität aus.


Auch das Publikum musste erneut im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten, wurde zum Teil mit Cowboyhüten in den albernsten Variationen versehen, war angehalten als Kulisse zu singen und zu jubeln und musste sich „Osteroder Nachkleckern“ nachsagen lassen, nachdem es einen verschrobenen Witz nicht auf Anhieb verstanden hatte.
Immer wieder überraschend und ausnehmend witzig sind die skurrilen Einfälle, mit denen die Mimen ihre Aufführungen krönen. Eine besondere Rolle spielen Requisiten, die sich als running Gag durch den Abend ziehen, wie diesmal ein elektrischer Mixer, in dem eine Dose Cola als typisches US-Abendmahl aufgeschäumt wurde oder die absonderlichsten Zutaten samt einem frischen rohen Fisch zu einer Eskimospezialität verquirlt wurden, oder ein Häkeldeckchen, das wechselweise als Damenfrisur herhielt.


Ausgelassene Heiterkeit herrschte auch im zweiten Teil des Abends, der „Die Romanze einer Eskimojungfrau“ zum Gegenstand hatte – und das, noch bevor überhaupt ein Wort gesprochen war. Christoph Huber als reiche Eskimoschönheit mit Mützchen und Stiefelchen war ein einmaliger Anblick; die ausdrucksstarke Mimik der Darsteller machten die Erzählung, die sich humorvoll kultureller Eigenheiten annimmt, zum vergnüglichen Erlebnis.


Stadtbibliotheksleiterin Claudia Wilkening, die mit ihrem Team in passender Kostümierung für das stilgerechte Ambiente in den Räumen und einem „American Food“-Imbiss in der Pause gesorgt hatte, zeigte sich von der Darbietung der Schauspieler ebenso begeistert wie ihre Gäste. Sie sei bereits gespannt, womit Stefan Dehler und Christoph Huber im nächsten Jahr in Osterode aufwarten werden, verriet sie bei der Verabschiedung. Und auch darin war sie sich wohl mit dem Publikum einig.</